Länderinfo Albanien

Kaum ein anderes Land Europas ist so unbekannt wie Albanien. „Kosovo-Krise“, „Albaner-Mafia“ und „Armut“ sind wohl die Stichworte, die den Deutschen dazu einfallen – wenn überhaupt. Nun, die wirtschaftliche und politische Lage hat sich in den letzten 20 Jahren verbessert, bleibt aber immer noch hinter dem Stand anderer europäischer Länder zurück. Doch wenn man sich erst einmal mit Land und Leuten beschäftigt, stößt man auf viele interessante Überraschungen. Wenn Sie Albanien kennenlernen möchten, gibt Ihnen dieser Artikel einen ersten Einstieg. Albanien ist eine Entdeckung wert!

Ein kleines Land am Rande Europas

Die Randlage auf der Balkanhalbinsel ist wohl einer der Gründe dafür, dass Albanien in Mitteleuropa so unbekannt ist. Das Land liegt zwischen den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken Montenegro, Kosovo und Mazedonien im Norden bzw. Osten und Griechenland im Süden. Im Westen grenzt Albanien an die Adria bzw. das Ionische Meer, Italien ist an der schmalsten Stelle nur 71 km entfernt.

Die 362 km lange Küste besitzt viele Sand- und Kiesstrände; es haben sich einige Urlaubsorte entwickelt, aber auch die großen Häfen von Durres und Vlore. Dahinter erstreckt sich ein mehr oder weniger flacher Küstenstreifen. Dieser Bereich ist fruchtbar und teilweise stark besiedelt; hier liegen viele der größeren Städte, auch der Ballungsraum um die Hauptstadt Tirana, die in den letzten Jahren sprunghaft gewachsen ist. Über zwei Drittel des Landes sind bergig; die Albanischen Alpen im Nordosten werden bis zu 2700 m hoch. Das Bergland ist deutlich dünner besiedelt als die Küstenregion; viele ländliche Gebiete sind hier immer noch schwer zu erreichen und von der wirtschaftlichen Entwicklung abgeschnitten.

Die albanische Bevölkerung

Mit 28.748 Quadratkilometern ist Albanien etwas kleiner als Belgien und hat mit 2,83 Millionen etwas weniger Einwohner als Schleswig-Holstein. Die Bevölkerung besteht neben einigen Minderheiten (Griechen im Süden, Mazedonier, Roma, Aromunen) zu 82% aus Albanern und ist damit im Vergleich zu den Nachbarstaaten ethnisch sehr homogen. Das liegt auch daran, dass der Staat Albanien nur einen Teil der Albaner umfasst: Im Kosovo stellen Albaner die Bevölkerungsmehrheit (ca. 1,5 Mio), es gibt albanische Volksgruppen in Montenegro, Mazedonien, Griechenland und Italien. Und es gibt über eine Million Albaner, die das Land seit 1990 aus wirtschaftlichen Gründen verlassen haben und nun in westeuropäischen Ländern leben, in Amerika, der Türkei, der Ukraine und Ägypten.

Durch die frühere Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich sehen sich viele Albaner als Moslems, ca. 60%. Etwa 20% sind orthodoxe Christen (v.a. im Süden), etwa 10% Katholiken. Die restlichen 10% gehören anderen Religionen an, insbesondere evangelikalen Freikirchen, oder bezeichnen sich als Atheisten. Traditionell besteht in Albanien ein tolerantes Miteinander der verschiedenen Religionen.

Vor 1990 hatte Albanien die höchste Geburtenrate Europas (Verhütungsmittel waren verboten), heute liegt sie unter dem europäischen Durchschnitt. Dieser Umstand und die anhaltende Abwanderung (gerade junger Menschen) ins Ausland bewirken eine rapide Alterung der albanischen Bevölkerung, was aber angesichts der stark vertretenen Generation der 15- bis 30-Jährigen noch nicht allzu stark zu spüren ist. Seit 1990 sind viele Albaner vom Land in die Städte gezogen: Tirana wuchs in diesem Zeitraum von 250.000 auf über eine Million Einwohner. Das Land und nicht wenige Kleinstädte veröden dagegen regelrecht; im Gebirge und im Süden sind schon zahlreiche Dörfer verlassen.

Von der kommunistischen Diktatur zur Demokratie

Bis heute ist die albanische Gesellschaft von den Auswirkungen der stalinistischen Epoche geprägt. 1944 übernahmen die Kommunisten unter Enver Hoxha die Macht und errichteten in Albanien eines der radikalsten kommunistischen Systeme überhaupt. Die Bevölkerung litt unter Staatsterror, privater Besitz und Religionsausübung waren völlig verboten – das Land bezeichnete sich als ersten atheisten Staat der Welt. Nachdem sich die Führung erst mit Jugoslawien, dann mit der Sowjetunion und dann auch mit China überworfen hatte, war Albanien das isolierteste Land Europas. Paranoides Denkmal dieser Epoche sind ca. 750.000 Bunker, die im ganzen Land errichtet wurden, als Schutz gegen einen angeblichen Einfall der Nachbarstaaten.

Das kommunistische Regime hielt sich nach Enver Hoxhas Tod im Jahr 1985 noch einige Jahre. Im Herbst 1990 konnte die Führung die Proteste der Bevölkerung jedoch nicht mehr unterdrücken und es begann ein schwieriger politischer und wirtschaftlicher Reformprozess. Die katastrophale Versorgungslage führte zu einer Massenflucht: Über 10.000 Menschen gelangten an Bord des Frachters Vlora ins italienische Bari, Hunderttausende folgten ihnen. Als im Januar 1997 viele Sparer durch den Bankrott von Geldanlagefonds (Pyramidenspiele) ihr gesamtes Vermögen verloren, kam es zu den sogenannten Lotterie-Aufständen; im März wurde über das ganze Land der Ausnahmezustand verhängt. Erst nach dem Einsatz internationaler Truppen konnte die Ordnung wiederhergestellt werden.

Nach der Annahme einer neuen Verfassung 1998 und weiteren Reformen hat sich die politische Lage verbessert. Bei der Kosovo-Krise 1999 hat die albanische Gesellschaft eine Welle von 300.000 Flüchtlingen gemeistert und zur Stabilität in der Region beigetragen. Heute orientiert sich Albanien bei seinen Reformen und bei der Bewältigung seiner anhaltenden wirtschaftlichen Probleme vor allem an den westlichen Staaten; das Land ist Mitglied der UNO sowie der NATO und hat 2009 die Aufnahme in die EU beantragt.

Illyrer, Skanderbeg und die Osmanen

Die Albaner haben erst spät zu einem eigenen Nationalstaat gefunden. Viele Historiker führen die Albaner auf die Stämme der Illyrer zurück, die in der Antike in diesem Gebiet siedelten. Nach mehreren Kriegen wurde die Region als Provinz Illyricum Teil des Römischen Reichs und nahm früh den christlichen Glauben an; schon der Apostel Paulus war in Illyrien, Apollos soll Bischof in Dyrrachion (Durres) gewesen sein.

In den folgenden Jahrhunderten gehörte Albanien mal zu Byzanz, dann zum Bulgarischen Reich oder zu anderen auswärtigen Kräften und zerfiel in zahlreiche kleine Fürstentümer. Mitte des 15. Jahrhunderts gelang es dem Fürsten Skanderbeg aus Kruja, die Albaner zum Kampf gegen die vordringenden Osmanen zu einen – vorerst mit Erfolg. Doch da die Unterstützung durch andere christliche Länder ausblieb, fiel das Gebiet nach seinem Tod an das Osmanische Reich. Bis heute ist Skanderbeg jedoch der albanische Nationalheld schlechthin; sein Wappen, der schwarze Adler auf rotem Grund, ziert die albanische Flagge.

Während fünfhundert Jahren osmanischer Herrschaft trat die Mehrheit der Bevölkerung zum Islam über. Dadurch machten nicht wenige Albaner Karriere in der osmanischen Verwaltung und im Heer und erlangten Stellungen, die den christlichen Untertanen des Sultans verschlossen blieben.

Erst Ende des 19. Jahrunderts begann sich eine albanische Nationalbewegung zu entwickeln, die eine einheitliche albanische Sprache, Schrift und Kultur entwickelte und nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reichs für einen eigenen Staat kämpfte – gegen Widerstände von Serbien, Griechenland und anderen Mächten. Von Anfang an war es ein schwacher Staat mit einer breiten ländlichen Bevölkerung und einer kleinen Bürgerschicht. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat Albanien fast alle Regierungsformen erlebt: Fürstentum, ausländische Besatzung, Nationalstaat, selbsternanntes Königtum, faschistische Besatzung, kommunistische Diktatur, parlamentarische Demokratie.

Auf Unterstützung angewiesen

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft war Albanien ein Land ohne funktionsfähigen Staat, das „Armenhaus Europas“. Der Aufbau gesellschaftlicher Strukturen und der Wirtschaft ist ohne ausländische Unterstützung nicht möglich: durch die Europäische Union und Staaten wie Deutschland und Italien, durch ausländische Investoren und durch die vielen Auslandsalbaner, die Geld an ihre Familien schicken und so einen wichtigen Beitrag zur albanischen Wirtschaft leisten.

Verschiedene Hilfsorganisationen wie der Christliche Hilfsverein Wismar e.V. / Albanienhilfe engagieren sich in Albanien. Seit dem ersten Transport 1991 haben wir bei zahlreichen Einsätzen nötige Hilfe geleistet, soziale und kirchliche Aufbauarbeit geleistet und gute Kontakte aufgebaut, vor allem in der Mokra-Region im Osten Albaniens. Wie wichtig unsere Hilfe auch heute noch ist, erfahren wir bei jedem Besuch in „unseren“ Dörfern.

Reisen in Albanien

Auch wenn sich nach und nach eine Tourismusbranche entwickelt, ist Albanien immer noch ein Reiseland vor allem für Abenteurer und Entdecker. Für die Einreise genügt der deutsche Personalausweis. Das Klima ist im Sommer heiß und im Winter regnerisch, in den Bergregionen milder und mit viel Schnee im Winter. Kleinkriminalität ist selten; die größte Schwierigkeit beim Reisen ist das schlechte Straßennetz und allgemein die mangelhafte Infrastruktur.

Touristische Ziele in Albanien sind die Ferienorte an der Küste, die reizvollen Landschaften in den Nationalparks und am Ohridsee, historische Städte wie Berat, Butrint und Gjirokastra oder das kulturelle Leben von Tirana. Und wer abseits der Städte übers Land fährt, wird von der traditionellen albanischen Gastfreundschaft begeistert sein.

 

Weitere Informationen

Bildergalerien Albanien

Albanien: Kultureller Wandel in einer offenen Gesellschaft
Vortrag von Dr. Michael Schmidt Neke beim CHW-Vereinsseminar 2008

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