Albanien. Ein Reisebericht.

Datum:  |  Autor: Christian Miß / CHW

Auf der Allianz-Konferenz 2015 durfte ich den CHW kennenlernen. Neben Frieder Weinhold war in Bad Blankenburg auch eine Gruppe Albaner, die eindrücklich von ihrer Arbeit berichteten. Da ich beruflich für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständig bin und dabei viele Albaner kennen gelernt habe, hatte ich durchaus großes Interesse und den heimlichen Traum: „Eines Tages fährst du mal da runter und schaust dir das alles an.“

Vorsichtig nahm ich Kontakt zu Frieder Weinhold auf. Ich hatte ja keine Vorstellung, was er so alles macht und ob man bei ihm mitfahren kann. Seine Antwort kam prompt: Er würde noch diesen Monat nach Albanien fahren und ich könne gerne mitkommen. Mist – damit hatte ich nicht gerechnet! Nun konnte ich ja nicht mehr lange grübeln 😉 Letztendlich überwand ich mein Muffensausen und fuhr mit – und habe es nicht bereut!

Kommunalpolitik in Pogradec

Am Sonntag, 27.09.2015 ging es bereits früh los. Mit Bus, Auto und Fähre reisten wir über Österreich, Italien, die Adria und Griechenland nach Albanien. Zwei Tage später kamen wir gegen 15 Uhr in Pogradec am Ohridsee an. Mein Kopf war bereits voller neuer Eindrücke!

Seminar von CHW, Konrad-Adenauer-Stiftung und der Stadtverwaltung PogradecDie nächsten Tage folgten wir einem straffen Programm. Es begann mit einem Seminar zur neuen kommunalen Strukturgebietsreform. Die Konrad-Adenauer-Stiftung, der CHW und die Diakonia Albania trafen sich mit dem Bürgermeister von Pogradec und einigen seiner Administratoren (vergleichbar mit unseren Ratsmitgliedern).

Abends gingen wir gemeinsam in ein Restaurant, wo wir dank der Übersetzer gute persönliche Gespräche führten. Vielleicht haben der gereichte Wein und der Grappa auch ein wenig zur lockeren Gesprächsatmosphäre beigetragen. So habe ich gelernt, auf albanisch „Prost“ zu sagen: „Gëzuar“, wobei das „r“ wie das amerikanische „r“ gerollt wird. Außerdem nutzte ich die Gelegenheit, um den Politikern von Jesus Christus zu erzählen. Ein Mitarbeiter der Diakonia meinte, dies sei die erste Evangelisation unter diesen Menschen gewesen… 🙂

Einweihungsfeier in Bishnica

Danach besuchten wir das Bergdorf Bishnica, in dem die Diakonia Albania/CHW ein Kinderheim und ein Internat unterhält. Die Fahrt von Pogradec aus dauerte etwa zwei Stunden – bei einer Entfernung von rund 60 km, was einige Rückschlüsse auf die Begebenheiten vor Ort zulässt. Etwa die Hälfte der Strecke ist recht gut ausgebaut; dann fängt jedoch der unbefestigte Teil an. Man muss sich vorstellen, dass Pogradec bereits 735 m hoch gelegen ist und von riesigen Bergketten umgeben ist, die locker in die 2000 Höhenmeter reichen. Die Straßen zu den Dörfern sind oft sehr schlechte Buckelpisten, die durch Bergrutsche, Auswaschungen und Schlaglöcher von bis zu 50 cm Tiefe geprägt sind. Der Ausblick in die wilde Berglandschaft entschädigt jedoch für manche Kopfnuss beim Durchfahren von Schlaglöchern.

Albanien hat übrigens eine sehr hohe Mercedes-Benz-Dichte. Der Linienbusverkehr wird im ganzen Land meist von mehrsitzigen Kleintransportern abgedeckt, die ohne Probleme 15 bis 20 Leute transportieren. Haltestellen konnte ich nicht entdecken, man steht einfach an der Straße und winkt den Kleinbussen zu.

Gegenüber steht nun das neue Lager- und Werkstattgebäude

Frieder Weinhold hat immer was zu organisieren

In Bishnica weihten wir eine Fahrzeughalle ein, die von drei engagierten deutschen Zimmermannsgesellen in einem dreimonatigen Einsatz errichtet wurde. Sie haben vor Ort alle Bretter und Balken für die Halle selbst aus Baumstämmen gesägt. Auch die örtlich zuständigen Administratoren kamen zur Einweihung. Der Abend endete mit einem Festessen, bei dem es ein Lamm gab, und ich konnte noch einige Male „Gëzuar!“ üben 🙂

Kontakte in Ohrid und Tirana

Unsere Reise führte uns auch nach Ohrid in Mazedonien, einer anderen Stadt am Ohridsee; hier ging es um die Weiterentwicklung des Tourismus rund um den See. Und wir fuhren zweimal nach Tirana, der Hauptstadt von Albanien, um dort organisatorische Dinge zu erledigen und Leute zu treffen. Ein Highlight meiner Reise war, dort einige Geschwister wieder zu treffen, die ich bereits in Bad Blankenburg kennenlernen durfte. Besonders nennen möchte ich Pastor Akil Pano, den Generalsekretär der albanischen evangelischen Allianz, mit dem ich seither in engem Kontakt stehe. Wir vermitteln gegenseitig Geschwister in die verschiedenen örtlichen Kirchen und Gemeinden – er in Albanien, ich in Deutschland.

Fazit

Ankunft in BishnicaAlbanien ist ein armes Land. Soweit ich gesehen habe, muss dort niemand verhungern; die Aussichten, eine Arbeitsstelle zu bekommen, sind jedoch nicht gut. Armut ist daher nicht nur latent vorhanden, man sieht und fühlt sie überall. Albanien ist aber auch ein sehr aufstrebendes Land. Es weht ein neuer Wind, politisch wie auch wirtschaftlich. Das Land bietet unendliche Chancen und es macht Spaß zu beobachten, wie sich alles verändert.

Bildung ist ein untergeordnetes Problem – fast jeder besitzt Schulbildung. Es herrscht klar Religionsfreiheit. Viele Politiker und engagierte Leute in Albanien sind traurig über die große Abwanderung nach Deutschland, einige sind nahezu sauer darüber. Deutschland könnte sich viel mehr in Albanien einsetzen. Und das auch mit Eigennutz, denn das Land ist reich an Bodenschätzen, die so gut wie gar nicht abgebaut werden.

Den Mitarbeitern des CHW und der Diakonia Albania gebührt ein gehöriger Respekt für ihren Einsatz für das Land und seine Leute. Mich hat das alles sehr erstaunt und ins Grübeln gebracht. Natürlich habe ich auch Lust auf mehr bekommen, denn die Möglichkeiten sind vielfältig! So bin ich gespannt, inwieweit diese Reise mein Leben beeinflusst…

 

Fotos: Christian Miß, Frieder Weinhold

 

Der Autor

Christian Miß

Christian Miß, verheiratet, Vater von drei Kindern, ist Verwaltungsangestellter im »Fachdienst Sonstige Soziale Dienste und Verwaltung« (ehem. Sozialamt) der Stadt Lüdenscheid. Dort ist er seit 10 Jahren für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständig.

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