Albanien: Gott im „ersten atheistischen Land der Welt“

Datum:  |  Autor: Matthias Pankau / idea / CHW

Seit 20 Jahren unterstützt der „Christliche Hilfsverein Wismar“ notleidende Menschen in Albanien – nicht nur materiell, sondern auch geistlich. Ein Beitrag von idea-Redakteur Matthias Pankau.

„Albanien ist meine Berufung.“ So nüchtern formuliert es Frieder Weinhold, der Vorsitzende des Christlichen Hilfsvereins Wismar, der jetzt an den ersten Einsatz in dem Balkanland 1991 erinnerte. Doch die Idee, die Menschen in Albanien zu unterstützen, hatte Weinhold schon viel früher. Als Jugendlicher hatte er immer wieder mal „Radio Tirana“ gehört – eher unfreiwillig, da der Sender auf der Frequenz des Evangeliums-Rundfunks sendete. Bei einer Missionskonferenz in den Niederlanden bekam er dann Kontakt zu anderen Menschen, denen die Albaner ebenfalls am Herzen lagen. Doch zunächst gab es für ihn keine Möglichkeit, nach Albanien zu gelangen. „Das Land war noch abgeschotteter als die DDR“, so der gebürtige Sachse.

Albanien war „Afrika“ in Europa

1991 schließlich wurden bei einer Veranstaltung in Wismar Freiwillige für Hilfstransporte nach Albanien gesucht. „Da wusste ich: Du bist gemeint“, erinnert sich Weinhold.

Sein erster Besuch schockte ihn allerdings: „Albanien – das war das Afrika in Europa.“ Die Menschen hungerten, die Läden waren leer, die Tankstellen vergittert. Kinder und Jugendliche seien teilweise barfuß im Schnee zu den Helfern gekommen, um auch ein paar Sachen zu erhalten. In den ersten Jahren waren es vor allem einfache Hilfspakete, die den Menschen vor Ort helfen sollten. Später kamen Reparaturarbeiten an Schulen und sozialen Einrichtungen sowie Hausbesuche dazu. „Viele Menschen gerade in den armen Bergdörfern fühlten sich von der Welt vergessen“, erzählt der ehemalige methodistische Pastor. „Das änderte sich durch unsere Besuche.“

8 Jahre Haft für ein buntes Osterei

Ende der 90er Jahre wurde auf Bitten der Menschen vor Ort die erste Kirchengemeinde in Bishnica gegründet. Es folgten weitere in Buzahishte, Pogradec und Tirana, die Weinhold von 2005 bis 2008 mit einer 50%-Stelle leitete.

Allerdings war bei der missionarischen Arbeit viel Fingerspitzengefühl gefragt. Denn 1967 hatten die damaligen kommunistischen Machthaber ein totales Religionsverbot erlassen. Der stalinistische Diktator Enver Hoxha (1908–1985) rief Albanien zum „ersten atheistischen Staat der Welt“ aus. „Leute erzählten mir, wer mit einem bunten Osterei erwischt wurde, kam für bis zu acht Jahre ins Gefängnis. Denn selbst ein Osterei galt als christliches Symbol“, erklärt Weinhold. „Das wirkt bis heute nach, obwohl das Land jetzt laut Verfassung weltanschaulich neutral ist.“

Offiziell sind 60 % der 3,2 Millionen Einwohner Muslime, 20 % albanisch-orthodox und 10 % römisch-katholisch. Die Zahl der Protestanten wird auf rund 20.000 geschätzt.

Einer Berufung muss man folgen

Seit drei Jahren kümmert sich Weinhold ausschließlich um den Verein. Die Arbeit basiert ausnahmslos auf Geld- und Sachspenden. Hat sich die Lage in Albanien in den vergangenen 20 Jahren verbessert? „In den Städten auf jeden Fall“, sagt Weinhold. Das sei auch der Grund, weshalb vor allem junge Menschen dorthin gingen. „Doch diejenigen, die in den vielen kleinen Bergdörfern zurückbleiben, sind nach wie vor auf Hilfe angewiesen.“ Deshalb beschäftigt der Verein in Albanien mittlerweile auch neun Mitarbeiter – überwiegend Albaner.

Der Wismarer Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) würdigte die Arbeit des Vereins beim Festakt Anfang November als vorbildliches Beispiel ehrenamtlichen Engagements. Dieser Ansicht ist nicht nur Beyer, sondern auch der Bundespräsident. 2004 wurde Weinhold für seinen Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Außerdem ist er Ehrenbürger der beiden albanischen Kommunen Porocan und Velcan. Doch er bleibt demütig: „Zum einen hätte ich das alles nie allein machen können – ohne die vielen Vereinsmitglieder, Helfer und Spender. Zum anderen kann man einer Berufung nicht einfach entfliehen.“

Matthias Pankau
aus: idea Spektrum

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