Bishnica – ein junger Ort mit vielen Problemen

Datum:  |  Autor: Ingmar Bartsch / CHW

Albanien hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Und auch über Bishnica, obwohl der Ort erst 60 Jahre alt ist, lässt sich vieles erzählen. Bis 1990 kommunistischer Musterort, verfiel die Substanz in Nachwendezeiten. Auch wenn es wenig historische Quellen über das Balkanland gibt, wollen wir Ihnen die Geschichte Albaniens in einem kurzen Überblick vorstellen.

Jede Stadt hat ein Archiv. Und jeder Ort hat eine Chronik. So ist man das in Deutschland gewöhnt. Aber da in Albanien vieles anders ist, findet man in Bishnica keine schriftlichen Aufzeichnungen zur Geschichte des Dorfes. Und das stört auch keinen. Das Geschichtsbewusstsein scheint bei den Bewohnern kaum vorhanden. Kein Wunder sicherlich, haben doch die Menschen dort täglich andere Sorgen.

Gerade Bishnica hat aber eine außergewöhnliche Geschichte; denn das Dorf gibt es erst seit etwa 60 Jahren. Ein glücklicher Umstand, der Interessierte jubeln lassen würde, gäbe es nicht bei näherem Hinsehen einige Probleme. Die einzigen Quellen, auf die wir uns stützen können, sind die Berichte der ältesten Menschen im Dorf, die die gesamte Geschichte selbst erlebt haben. Allerdings bekommt man so auch mehrere Versionen zu hören, die zum Teil weit auseinander gehen. Wir wollen hier solche Berichte zusammenführen, um einen kurzen Abriss der Geschichte von Bishnica zu geben. Manche Dinge, die wir in Albanien erleben, lassen sich mit Blick auf die Geschichte besser verstehen.

Die Geschichte des Dorfes

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts siedelten erste Familien an einem Nebenarm des Flusses Shkumbin, der quer durch Albanien fließt. Das Tal, in dem sie sich niederließen, lag in einer Höhe von 1000 Metern mitten im Wald. Es gehörte zu Velçan, dem Ort, in dem heute die Kommunalverwaltung ihren Sitz hat. Der Name Bishnica kommt vom Wort „Biest“ und deutet auf eine wilde Gegend hin. Ob nun vor der Gründung des Dorfes Mitte der 40er-Jahre dort drei oder fünf Familien lebten, sei dahingestellt. Sicher ist, dass die Familien Menkshi und Lufo zu den ersten gehörten, die sich niederließen.

Die Menschen in Albanien leben oft unter ärmsten Verhältnissen, gerade in den ländlichen Gebieten  (Foto: Florian Raunig)

Der Holzreichtum der kleinen Ansiedlung sollte bald ihr Schicksal bestimmen. Holz war damals wie heute der Hauptbrennstoff in Albanien. Außerdem lässt sich aus Eichen und Buchen bestes Bauholz fertigen. Das hatte auch die kommunistische Staatsspitze Albaniens erkannt und gründete Bishnica als Ausgangspunkt für den Holzeinschlag. Dazu wurden Arbeitskräfte benötigt, und so zogen im Laufe der 40erund 50er-Jahre viele Familien aus der Umgebung in das kleine Dorf. Außerdem gab es immer eine hohe Zahl von Saisonarbeitern.

Um den Transport ausreichend zu gewährleisten, musste Bishnica an die Straße angebunden werden, die ungefähr 30 Kilometer entfernt von Pogradec nach Elbasan verläuft. Dazu wurde Mitte der 50er-Jahre eine Straße gebaut, die zum Teil asphaltiert war.

Die zunehmende Bedeutung des Dorfes blieb nicht ohne Folgen. Die Regierung beschloss, Bishnica zu einem kommunistischen Musterdorf auszubauen. Für die Saisonarbeiter wurden spezielle Unterkünfte gebaut. Für die zahlreichen Sägewerke – es wird von mindestens vier berichtet – musste auch Strom produziert werden. Deshalb wurde bereits in den 50er-Jahren eine Turbine installiert, die ausschließlich Bishnica versorgte.

Doch der Aufschwung hatte auch seine Schattenseiten. Die Regierung ging mit den Menschen um, als wären sie deren Eigentum. Wenn im Dorf ein Arzt gebraucht wurde, so wurde einfach einer versetzt, ob er wollte oder nicht. Das war in Albanien gängige Praxis. Bis in die 80er-Jahre hinein reichte jedoch in Bishnica der Wohnraum nicht aus. Die Apothekerin Nafia Kasmollari, die Anfang der 80er-Jahre nach Bishnica versetzt wurde, musste mit ihrer Familie in einer Holzhütte mit nur einem Zimmer leben.

Musterort für Saisonarbeiter

Die Männer von Bishnica leben hauptsächlich vom Holzeinschlag  (Foto: Frieder Weinhold)

Die Arbeit in den Wäldern war gut organisiert. Es gab Seilbahnen, an denen das Holz von den Berghängen zu den Verladeplätzen gebracht wurde. Oberhalb von Bishnica gab es ein Diesellager, da die russischen LKWs bis zu 50 Liter auf hundert Kilometer verbrauchten und auf der Strecke getankt werden mussten. Selbst im Winter wurde Holz geschlagen. Mit chinesischen Raupen wurde Schnee geschoben, damit die Lastwagen in die Berge fahren konnten.

In den 70er-Jahren war Bishnica zu einer kleinen Stadt angewachsen. Für die 130 Familien wäre der große Aufwand sicher nicht notwendig gewesen. Da aber zu Spitzenzeiten bis zu 600 Saisonarbeiter in Bishnica waren, bekam das Dorf eine große Krankenstation und eine Schule. Sogar ein Hotel und ein Kino wurden gebaut. Für die dauerhaft ansässigen Familien begann die Regierung, Wohnblöcke zu errichten. Sie wurden Palati genannt – Palast – um den Menschen die Vorzüge der kommunistischen Lebensweise zu zeigen. Fließend Wasser in einem innen liegenden Bad war für die Bewohner einfacher Hütten etwas Unbekanntes – und ist es zum Teil bis heute.

Dilemma des Staatskommunismus

In der Bau- und Modernisierungswut zeigt sich das Dilemma der albanischen Staatsführung. Es gab keine gleichmäßige Entwicklung. Obwohl im kommunistischen Musterdorf ein Kino und sehr zeitig Strom vorhanden war, lebten viele Menschen noch in sehr einfachen Hütten. Obwohl die Partei „Paläste“ baute, lebte die Bevölkerung in Armut, da privates Eigentum weitgehend verboten war.

Ein großes Problem, welches bis heute nachwirkt, ist die zentrale Wirtschaftsführung und die Zwangskollektivierung. Da die Menschen die Arbeit immer vorgeschrieben bekamen, entwickelten sie wenig Eigeninitiative. Der Staat war für alles zuständig. Die Auswirkungen dieser Politik waren verheerend. Dazu kommt das türkische Erbe und der orientalische Fatalismus. So wird die Situation verschärft. Die Menschen fühlen sich nicht zuständig für das, was außerhalb ihrer Häuser und Familien ist. So fehlt ein Gemeinschaftsgefühl. In den letzten Jahren haben wir erste Fortschritte in dieser Richtung gesehen. Hier ist aber noch viel Arbeit und Hilfe nötig.

Bedeutungsverlust nach der Wende

Wegen der schlechten Straßen kann sich in den Bergen kaum Handwerk entwickeln

Mit der Wende kam für Bishnica der Niedergang. Wie überall im Land, wurden die Läden geplündert, die Lastwagen gestohlen oder zerstört, bis es kaum noch Arbeit gab. Nach 1991 kamen die ersten privaten Lastwagen und holten unkontrolliert Holz aus dem Wald. An Aufforstung, wie sie in den 60er- und 70er-Jahren noch stattgefunden hatte, wurde nicht mehr gedacht. So gingen die Baumbestände kontinuierlich zurück. Das Dorf landete auf dem gleichen Standard wie die Dörfer ringsum. An die Zeiten des kommunistischen Musterdorfes erinnern nur noch die Palati und die heruntergekommene Krankenstation.

Die Aufstände im Jahr 1997 gingen an den Menschen in Bishnica nicht spurlos vorüber, große Zerstörungen gab es aber nicht. Durch die Gründung der EMK-Gemeinde 1998 und die kontinuierliche Hilfe des CHW veränderte sich das Dorf. Man kann eine langsame, aber stetige Veränderung zum Positiven bemerken. Doch noch immer ist viel zu tun.

Ingmar Bartsch

 

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