Den Bunker überwunden

Datum:  |  Autor: CHW

25 Jahre nach Beginn der Demokratie­bewegung erleben ausländische ­Touristen Albanien als weltoffenes Land. 1991 jedoch war der wirtschaftliche und politische Neuanfang äußerst schwierig. Der Albanienkenner Dr. Thomas ­Schrapel beschreibt, wie 50 Jahre Stalinismus Spuren hinterlassen ­haben und welche ­Fortschritte, aber auch Schwächen heute sichtbar sind.

Relikte einer anderen Epoche: Der Stalinismus ist seit 1991 überwunden, hat aber tiefgreifende Spuren hinterlassen

Relikte einer anderen Epoche: Der Stalinismus ist seit 1991 überwunden, hat aber tiefgreifende Spuren hinterlassen

Die Begegnung mit den gastfreund­lichen und liebenswerten Bewohnern Albaniens lässt schnell die Frage aufkommen, wie das negative Image des „Albaners“ entstehen konnte, das immer noch den Diskurs in Europa bestimmt. Ein Albaner, der keiner Mafia-Gang angehört, sondern versucht, das wahrhaftig nicht einfache Leben für sich und seine Familie legal zu meistern, mit Fleiß und unter teilweise extrem schwierigen Bedingungen, die für einen Mitteleuropäer unzumutbar wären – solch eine Figur kommt in unseren Medien kaum vor. Können Sie sich den Lebensalltag eines Zwei- oder Dreigene­rationenhaushalts auf engstem Raum vorstellen? Das Durchschnittseinkommen von etwa 300 Euro monatlich reicht in der Hauptstadt Tirana kaum, um über die Runden zu kommen. Für die meisten Bewohner der ländlichen Gegenden dagegen ist es eine utopische Summe; das Leben dort ist nur möglich durch den hohen Anteil an Sub­sistenzwirtschaft, dass also die tägliche Nahrung selbst produziert wird.

Bis 1990 letzte Bastion des „Stalinismus“

Auch wenn die Lebensumstände nicht gerade rosig sind, dürften die meisten Albaner darüber froh sein – verglichen mit den 1980er-Jahren, als sie im „Armenhaus Europas“ einen täglichen Überlebenskampf führten.

Enver Hoxha hatte sein Land in eine fünf Jahrzehnte dauernde Isola­tion geführt. Im Innern paarten sich Größenwahn mit der Paranoia, Albanien stehe tagtäglich im Visier „imperialistischer“ Mächte oder auch der ehemaligen kommunistischen Verbündeten. Mit einem ­wahnwitzigen Aufwand, der sämtliche Reserven des Landes aufbrauchte, wurden 750.000 (!) Bunker gebaut. Ein öffentlich geäußerter Witz über diese oder andere Grotesken führte zu langjährigen Strafen im Arbeitslager; dabei wurde die gesamte Familie in Sippenhaft genommen. Niemand durfte sich sicher fühlen: Anfangs war Jugoslawien Verbündeter, dann brach Hoxha mit den „Titoisten“ und unterstützte Chruschtschow; als dieser sich von Stalins Verbrechen distanzierte, war es tödlich, „Chruschtschowianer“ genannt zu werden; in den 1970ern brach Hoxha auch noch mit China …

1967 verboten die Kommunisten jede Religionsausübung unter ­Androhung härtester Strafen. Die christlichen und muslimischen Gotteshäuser wurden zu über 90 Prozent zerstört, der Rest zweckentfremdet. Schüler wurden zu „Staatsfeinden“, weil sie sich geweigert hatten, in einer entweihten Kirche Sportunterricht zu machen oder sie als Lagerhalle zu benutzen!

Bis zuletzt blieb die kommunistische Herrschaft in Albanien eine der brutalsten und im Verhältnis zur Einwohnerzahl opferreichsten in Europa. Erst im März 1991 öffneten sich die Tore der zahlreichen Straflager.

„Schlechte“ und „gute“ Menschen

Ein weiteres Instrument der Kommunis­ten war die Trennung ­zwischen Familien mit „schwarzer“, schlechter Biographie und die mit einer ­„weißen“. Eine Vermischung durch Hochzeit wurde tunlichst vermieden; damit ­wären die bisher „weißen“ Biographien automatisch in „schwarze“ umgewandelt worden – mit allen Konsequenzen. Hochrechnungen ergaben, dass 1991 fast die Hälfte der albanischen Familien eine „schwarze“ Biographie hatte. Eine derartige, ausschließlich machtpolitisch und ideologisch intendierte Spaltung der Gesellschaft dürfte einmalig sein.

Diese tief sitzende kollektive Erfahrung erklärt, warum Albanien heute noch in großem Maße von absolutem Freund-Feind-Denken geprägt ist. Fünf Parlamentswahlen seit 1991 haben zwar immer wieder Regierungswechsel mit sich gebracht; das Mehrparteiensystem funktioniert durchaus. Die meisten Politiker setzen jedoch Regierungsverantwortung mit „absoluter Macht“ gleich. In jeder Legislaturperiode hat die Mehrheits­partei versucht, massiven Einfluss auf das Verfassungs- und das ­Oberste Gericht zu nehmen und Anhänger der „feindlichen“ Partei aus den öffent­lichen Verwaltungen entfernt. Und da exorbitant viele Jobs direkt oder indirekt über Regierungsstellen verteilt werden, sind sehr viele Menschen vom Wohlwollen der jeweils regierenden Partei abhängig.

Transformation unter erschwerten Bedingungen

Erschwerend kommt hinzu, dass die Entwicklung einer unabhängigen Zivilgesellschaft immer noch in den Anfängen steckt. Ein Großteil der albanischen NGOs wurden von Parteipolitikern gegründet oder sind von ihnen abhängig. Die Privilegierten des kommunistischen Regimes hatten 1991 einen klaren Vorteil: Sie verfügten über die Bildung und die Netzwerke, um nun als Kooperations­partner für internationale Hilfsorgani­sationen etc. zur Verfügung zu stehen. Den Trägern der Demokratiebewegung dagegen, oft mit einer „schwarzen“ Biografie, war zuvor ein höherer Schulabschluss oder ein Studium verboten. Daher ist die Aufarbeitung der diktatorischen Vergangenheit in Albanien eine eminent tagespolitische Angelegenheit. Es wird gewiss noch eine Generation dauern, ehe diesbezüglich mehr „Gerechtigkeit“ herrscht.

1997 gilt vielen Albanern als eine herausragende Zäsur der postkommu­nistischen Entwicklung: Nach dem Zusammenbruch eines kriminellen Systems von Anlagebetrug, bei dem sehr viele Familien ihre ganzen Ersparnisse verloren, wurde das Land von einem Bürgerkrieg heimgesucht. Bis heute sind die Hintergründe und die kriminellen Akteure dieses groß angelegten Betrugs nicht ermittelt. Für die Akzeptanz der jungen Demokratie hatten die Ereignisse von 1997 verheerende Auswirkungen.

Das Glas ist „halbvoll“

Die Aktivisten der albanischen Demokratiebewegung konnten 1991 keine eigenen demokratischen Erfahrungen aufgreifen; alles musste neu gelernt werden. Vor diesem schwierigen historischen Hintergrund ist die Entwicklung der Demokratie in Albanien durchaus positiv zu beurteilen. Immerhin existiert ein Mehrparteiensystem, dessen Akzeptanz durch die letzten Parlamentswahlen im Juni 2013 gestärkt wurde: Erstmals anerkannten die Verlierer den Sieg der anderen Seite, ohne nachfolgende Boykottmaßnahmen im Parlament. Weitere „Säulen“ der Demokratie wie Verfassungsgericht und Oberstes Gericht sind installiert. Gewiss kann man nicht von einer völligen Unabhängigkeit der Justiz sprechen, doch allein die seit fast zwei Jahren laufenden öffentlichen Diskussionen über eine Justizreform offenbaren ein hohes Maß an Sensibilität für dieses Thema. Und die ­Kommunalwahlen vom Juni 2015 wurden von internationalen Beobachtern zwar in vielen Einzelpunkten kritisiert, das Wahlergebnis konnte aber akzeptiert werden.

Die albanische Demokratie ist nicht perfekt, noch lange nicht. Aber sie hat Fortschritte gemacht.

Albanien gehört zu Europa

Seit Juni 2014 ist die Republik Albanien offiziell Beitrittskandidat der Europäischen Union. Im Gegensatz zu manchen Nachbarländern ist eine große Mehrheit in Albanien für eine vollständige Integration in die EU. Die beiden großen parteipolitischen Blöcke, angeführt von der Sozialistischen Partei (PS) und der Demokratischen Partei (PD), vertreten hier weitestgehend deckungsgleiche Ansichten. Vielleicht bietet diese Gemeinsamkeit eine Möglichkeit, den immer noch extrem zugespitzten, unversöhnlich erscheinenden Diskurs künftig moderater zu gestalten.

Außenpolitisch ist Albanien für den Westen ein verlässlicher Partner. Übrigens haben nicht zuletzt Maßnahmen der albanischen Politik in der gegenwärtigen europäischen Flüchtlingskrise dazu geführt, dass Albaner, die lange Zeit das zweitgrößte Flüchtlingskontingent stellten, jetzt kaum noch eine Rolle dabei spielen.

 

Über Dr. Thomas Schrapel

Dr. Thomas Schrapel

Der Althistoriker und Archäologe Dr. Thomas Schrapel arbeitet seit fast 23 Jahren in der ­Politikberatung für die Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach vier Jahren als Leiter des Albanien-Büros wechselte er Anfang 2016 zum KAS-Regionalprogramm „Politischer Dialog Südkaukasus“ nach Georgien.

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