Der lange Weg nach Lushnje

Datum:  |  Autor: Heidenheimer Zeitung / CHW

Eigentlich wollte sie nur vorübergehend aushelfen, doch aus dem „Aushelfen“ sind mittlerweile acht  Jahre geworden, in denen Elke Kaci, die in den 90er Jahren in der Heidenheimer Walther-Wolf-Straße als Erzieherin einen Kindergarten für Asylbewerber-Kinder betreute, im „Armenhaus Europas“ Tag für Tag um Kinderherzen ringt: „In Albanien sind wenig Werte vorhanden, aber an Kindern und Jugendlichen kann man noch etwas ändern“.

„Das Schicksal wollte es wohl so, dass ich ausgerechnet hier meinen Mann kennenlernte“, erzählt die junge Frau der Besucherin aus Deutschland. 1997 war Elke Kaci (geb. Benz) auf Wunsch eines im mittelalbanischen Lushnje ansässigen Pfarrers in das gerade mal zwei Flugstunden von Mitteleuropa entfernte, bitter arme Land an der Westküste des Balkans gereist, um den Menschen, vor allem den Kindern, nach fast 40-jähriger stalinistischer Diktatur wieder den Funken Hoffnung zu geben, der für eine Rückkehr in geordnete Bahnen unerlässlich ist.

„Die schwierige Sprache zu erlernen war noch das geringste Problem, damit hatte ich bereits daheim begonnen. Auch die zu Beginn nur spärlich fließenden Spendengelder stellen für einen sparsamen Menschen keine Hürde dar. Viel wichtiger und auch komplizierter war es, sich den Zugang zu den Herzen der Albaner zu erschließen. Korruption und Gewalt gehörten und gehören leider immer noch zum Alltag in dem kleinen Land. Mühsam überzeugte ich die Menschen, dass ich nicht aus Abenteuerlust, sondern der Verkündigung von Gottes Wort wegen in ihr Land gekommen bin.“ Traurig stimmt die mit dem albanischen Lehrer Ilir (34) verheiratete zweifache Mutter (Sohn Lukas ist drei Jahre alt, Tochter Deborah ist 16 Monate), dass viele Albaner ihre Heimat in Richtung Ausland verlassen. Ziel all ihres Tuns werde es stets sein, „den Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive aufzuzeigen“.

Im Jahr 1999 eröffnete die 34-jährige Schwäbin ihren ersten Kindergarten in Lushnje (rund 40 000 Einwohner), zwei Jahre später kaufte sie mit Spendenmitteln der evangelisch-methodistischen Gemeinde in Heidenheim ein altes Haus im zehn Kilometer entfernten Dushk, um dort eine „Kita“ (Kindertagesstätte) aus der Taufe zu heben. „Es ist in Albanien sehr wichtig, Eigentum zu erwerben, wenn man investieren möchte. Sonst ist man der Willkür der Vermieter hoffnungslos ausgeliefert“, begründet Elke Kaci die Kaufentscheidung.

Ihr ist wichtig, dass vor allem der patriarchalische Zeitgeist des Gestern in ihrer „Kita“ keinen Einzug halten kann. „Wir möchten die Kinder im christlichen Sinne spielenderweise im Geiste Fröbels zu selbstständigen Menschen erziehen. Ein Zeichen setzen gegen Söhne, die in ihren Familien zu Paschas herangezogen werden, und gegen Töchter, die sich frühzeitig mit einer späteren Rolle als ,verkaufte Braut‘ abfinden.“

Im Sommer dieses Jahres nahm Elke Kaci „ihren“ erstenUmbau in Angriff. Das marode Dach wurde komplett erneuert, der Boden mit Dielen versehen. Doch es ist noch viel zu tun: „Im nächsten Frühjahr muss ein kleiner Anbau abgerissen und wieder aufgebaut werden. Geheizt wird derzeit noch mit einem alten Holzofen, eine moderne Gasheizung ist mein Traum für 2006. Das ist eine Investition in die Zukunft, denn wir sind mit 23 Kindern an unserer Kapazitätsgrenze angekommen. Die Nachfrage nach einem Platz ist deutlich höher als unsere Kapazität. Hier ist es auch winters warm, die Einrichtung freundlich, ausreichend Spielsachen vorhanden und es gibt eine zusätzliche warme Mahlzeit, was nicht alle unsere Kinder von daheim kennen.“ Auch in Albanien hat ein „Kita“-Platz seinen Preis: 1100 Lek pro Monat, umgerechnet etwa 9 Euro (Zum Vergleich: Eine Krankenschwester verdient etwa 108 Euro im Monat, ein Lehrer 200 Euro, die Sozialhilfe für eine vierköpfige Familie auf dem Land beträgt zwischen acht und 15 Euro im Monat).

Elke Kaci übt sich auch bereits in „Entwicklungshilfe“: Die Drucklegung ihres Buches in albanischer Sprache über „moderne“ Erziehungsmethoden steht unmittelbar bevor. Und vor vier Jahren nahm sie einen weiteren deutschen Kindergarten im 35 Kilometer entfernten Leqin unter ihre Fittiche. Die dortige Leiterin Claudia Lehmann (44), eine aus Pforzheim stammende „Landsfrau“, ist des Lobes voll: „Ohne Elke Kacis tatkräftige Hilfe hätten wir nie in kürzester Frist drei albanische Helferinnen ausbilden können.“

Jüngst hatte Elke Kaci von ihrem „Arbeitgeber“, dem Christlichen Hilfsverein Wismar (CHW), tatkräftige Helfer zu Gast. Jens Gerber (34): „Ich kann nur den Hut ziehen, wie unter den gegebenen Umständen eine Frau allein hier wahrhaft Großes leistet. Mich hat bereits der permanente Stromausfall genervt, so dass ich wieder den Umgang mit der Handsäge erlernen musste.“

Elke Kacis Wunsch fürs neue Jahr: „Ich hoffe, dass sichmit Hilfe meines privaten Spenderkreises und des CHW im kommenden Jahr alle Projekte realisieren lassen. Es gibt noch viel zu tun. Ab dem Frühjahr werde ich wohl meinen Tag verlängern müssen, denn mir ist die Pastorenstelle für Lushnje angetragen worden.“

Andrea Seemann
aus: Heidenheimer Zeitung, Sa 07.01.2006

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