Der Weg in die Berge ist immer noch steinig

Datum:  |  Autor: OSTSEE-ZEITUNG

Pastor Frieder Weinhold besuchte mit zehn Mitgliedern des Christlichen Hilfsvereins Wismar die albanische Bergregion in Bishnica. Hier leistet der Verein schon seit 15 Jahren Hilfe.

Bishnica/Wismar – An guten Tagen kamen die Leute aus dem Dorf herauf und legten ein Stück Brot und etwas Gemüse vor den Eingang der Höhle, die nur wenige Meter oberhalb der letzten Häuser am Berghang in den Fels gegraben wurde. Dann kroch Istrev aus seinem Versteck und kaute langsam auf den Almosen herum. Eine einzige Frage ging ihm dabei durch den Kopf. Wann wird es wieder etwas geben? Morgen vielleicht, nächste Woche, oder überhaupt nicht mehr?

An einem Tag vor anderthalb Jahren schließlich legten die Leute, die an seiner Höhe standen, keine Almosen mehr nieder. Sie kamen herein, sprachen mit ihm, erklärten ihm, dass er rauskommen könne. In ein Haus, in ein eigenes Zimmer. Man werde sich um ihn kümmern. Es waren Sätzen, die der damals 84-Jährige lange nicht mehr gehört hatte. Und sie wurden wahr. Ein paar Männer und eine junge Frau zogen ihn aus der Höhle, in der zwei Jahre gelebt hatte.

„Er war ganz schwarz von dem ganzen Rauch, und er konnte vor Schwäche nicht mehr laufen“, erinnert sich Gena an jenen Tag. „Eine ganze Woche lang hat er nur gegessen, wir haben gedacht, er überlebt das nicht.“ Doch Istrev lebt. Der 86-jährige, der nach seiner Rückkehr aus den USA, wo er 30 Jahre lang illegal geschuftet hatte, in die Obdachlosigkeit geriet, ist gemessen an seinem Alter in körperlich guter Verfassung. Dank dem Christlichen Hilfsverein Wismar.

Der CHW hat in einem Dorf in den albanischen Bergen ein Haus gemietet, um alten Menschen wie Istrev ein Zuhause zu geben. Zwei Senioren leben inzwischen in dem renovierten Haus. Betreut werden sie von einer Köchin und der 25-jährigen Gena, die in der Region so etwas wie die gute Seele ist. Oder das Gewissen. Wie man will. Die junge Frau ist beim CHW angestellt und hat vor geraumer Zeit eine Ausbildung zur Pflegehelferin absolviert. Seitdem kümmert sie sich in der Region um das Bergdorf Bishnica um jene, die offiziell niemand haben will. Um die Alten ohne Familien und die Behinderten. Denn Istrev ist nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit.

So wie Nardi. Der 22-Jährige ist seit einer Gehirnhautentzündung, die er als kleines Kind überstand, schwerbehindert. Er sitzt im Rollstuhl und kann sich kaum artikulieren. Vielleicht wäre er heute ein ganz normaler junger Mann, wenn er damals ärztlich behandelt worden wäre. Doch das spielt heute keine Rolle mehr. „Die Eltern müssen arbeiten, sie haben keine Zeit, sich ständig um ihn zu kümmern“, sagt Gena. „Und die Großmutter ist auf Dauer damit überfordert.“ So schaut sie wenigstens einmal pro Woche vorbei und beschäftigt sich mit ihm, bringt ihm Schreiben und Lesen bei. So gut das eben geht. „Wichtig ist, dass er weiß, dass jemand da ist.“

Der soziale Bereich, um den der CHW sich seit 15 Jahren kümmert, und aus dem Projekte wie die Alten- und Behindertenpflege, das Schulinternat und der Fahrdienst für die Ärztin hervorgegangen sind, ist dabei nur ein Teil der Hilfsarbeit. Ein anderer, den der Vorsitzende Frieder Weinhold gerade versucht anzuschieben, ist die geplante Aufforstung der Wälder. Der jahrzehntelange Raubbau hat tiefe Narben in der bizarren und einst wunderschönen Berglandschaft hinterlassen. Dafür hat Weinhold zwei Forstingenieure aus Thüringen gewonnen, die sich in den vergangenen Tagen ein Bild gemacht haben von den Schäden in der Region.

Matthias Schwimmer und Daniel Heinrich gehören nicht zu jenen Leuten, die schnell aufgeben. Ein Patentrezept haben allerdings auch sie nicht parat. Zumindest noch nicht. „Es ist einfach schwierig, weil man nicht genau weiß, wo man anfangen soll“, so Schwimmer, der im Landwirtschaftsministerium in Erfurt arbeitet. Die Menschen in den Bergen können nur mit Holz heizen, Alternativen gibt es nicht. Auch keine Arbeit. Und die Forstämter, sowohl die staatlichen als auch die kommunalen, verfügen weder über Fahrzeuge noch über das nötige Geld, um die Schäden zu beseitigen, geschweige denn überhaupt mit einer Wiederaufforstung zu beginnen. Doch das schreckt derzeit weder Frieder Weinhold ab noch die Forstingenieure aus Thüringen. In den kommenden Wochen soll beraten werden, wie das Projekt „Bäume für die Zukunft“ umgesetzt werden kann. „Denn was man nicht anfängt, das kann auch nichts werden“, sagt Frieder Weinhold.

Michael Prochnow
aus: OSTSEE-ZEITUNG, 04.06.2007

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