Die verlorene Stadt

Datum:  |  Autor: Claudia Hanisch / CHW

Die Apsis ist eines der wenigen Merkmale, das in der Zeit der Türkenherrschaft als äußeres Zeichen einer Kirche erlaubt war. Die typisch orthodoxen Kuppeln wurden meist unter weiten Zeltdächern versteckt, um nicht schon aus größerer Entfernung als christliche Kultbauten erkannt zu werden. (Foto: Claudia Hanisch)

Wer heute nach Voskopoje kommt, kann die einstige Blüte dieser Kulturstadt kaum erahnen: Die Ansammlung von alten Steinhäusern und die gepflasterten Straßen dazwischen machen einen eher verwaisten Eindruck, als würde man nach Jahren an einen zurückgelassenen Ort zurückkehren. Direkt gegenüber dem verblichenen kommunistischen Denkmal findet sich eine gemalte Tafel, die diesen Eindruck wettzumachen sucht: Das touristische Dorf Voskopoje mit über 670-jähriger Geschichte weist auf seine historische Bedeutung hin.

Seit 1330 bewohnt, war Voskopoje 1764 auf dem Höhepunkt seiner Blüte. Mit 30.000 Einwohnern war es größer als Athen, Sofia und Belgrad seiner Zeit und war seinem Umfeld auf dem Balkan in vielem voraus: Voskopoje besaß eine Akademie, eine Bibliothek, eine Druckerei und vierundzwanzig Kirchen. Die „Neue Akademie“ war 1744 gegründet worden und betrieb philosophische Studien; es wurden Mathematik, Physik und Vorstufen von Ökonomie gelehrt. Handwerksmeister aus Voskopoje waren für ihre Schmuckherstellung und Waffenverzierung auf dem ganzen Balkan bekannt. Die Händler der Stadt bereisten andere Länder bis nach Zentral- und Osteuropa, während die Bewohner Voskopojes an drei Sprachen Anteil hatten: an der griechischen, der aromunischen und der albanischen.

Diese Nachbildung einer Gravur aus dem Jahre 1742 befindet sich an einer der verbliebenen Kirchen und verkündet die einstige Größe und Schönheit des alten Voskopoje

Das Aromunische und das Albanische sind bis heute Sprachgut der Voskopojer geblieben, alle andere Pracht und Berühmtheit der Kulturstadt wurden Vergangenheit: Von 1769 bis 1789 ging ein Krieg nach dem anderen über das Land hinweg, Zerstörungen und Plünderungen machten auch vor dieser orthodoxen und geistigen Hochburg nicht Halt. Heute gibt es nur noch vage Anzeichen der damaligen Ausdehnung der Stadt: Weit entfernt von der heutigen Ansiedlung gibt es verstreut Brunnen und ein Bewässerungssystem. Die Felder und Raine sind ungewöhnlich übersät von Steinen, die stumm und unbeachtet an die Häuser und Höfe des alten Voskopoje erinnern.

Was bleibt? Noch stehen acht Kirchen von vierundzwanzig, noch mahnen die verfallenen Gemäuer, den Überrest der einstigen Schönheit nicht auch noch zu verlieren. Findet eine große Geschichte doch noch eine Zukunft?

Die Michaelskirche (Shen Mehilli) in Voskopoje wurde 1722 erbaut (Foto: CH)

Claudia Hanisch

 

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