Durch das Dunkel zum Licht

Datum:  |  Autor: Claudia Hanisch / CHW

Albanien auf der Expo2000 in Hannover: Das Balkan-Land präsentiert schonungslos seine dunkle Vergangenheit

Schwarzer Adler auf rotem Grund: die albanische Flagge auf der Expo2000

Ein großer Bunker empfängt die Mitarbeiter des Christlichen Hilfsvereins am albanischen Pavillion. Eine Bilderwand daneben zeigt kahle Balkanberge mit den Schriftzügen „Enver”, der Vorname des kommunistischen Diktators Hoxha. Tritt der Gast in das Innere des Betonmonuments, erwartet ihn dunkle Vergangenheit. Ein grell rot beleuchtetes Monument sozialistischer Kunst – ein Mensch, der eine Hacke hoch hält und sich auf den Spaten stützt – hebt sich neben erschreckenden Schwarz-weiß-Aufnahmen ab. Aufmärsche der Pioniere, die Blumenkränze schwenken, unter Hoxhas und Maos Bildnissen tanzen, wechseln sich ab mit Zeugnissen menschenverachtender körperlicher Schwerstarbeit für die Errungenschaften des Kommunismus. Die Bilder von den schmerzverzerrten Gesichtern klagender Frauen beim Tod des Diktators erschüttern ebenso wie die Stacheldrahtzäune um die Zwangslager.

Diese Vergangenheit ist erdrückend, wie ein Gefängnis. Wer aus dem Bunker heraus wieder ins Licht tritt, wird von monumentalen Aufnahmen der Flüchtlingsschiffe überrascht und blickt in die ebenso erleichterten Gesichter der Geflohenen. Der einzige Ausweg?

Dahinter präsentiert sich Albanien zukunftsträchtig. Die unberührte Natur der beiden Seen Ohrid und Prespas im Südosten des Landes wird gepriesen, große Projekte zum Naturschutz vorgestellt. Wer die albanische Realität vom Umgang mit diesen natürlichen Schätzen kennt, weiß, wie bitter nötig das ist. überschriften wie „Die Zukunft Albaniens liegt am Ende der Welt“, „Sind Sie bereit für das Unerwartete?“ und „Das 20. Jahrhundert haben wir übersprungen“ charakterisieren die neuen Anfänge und stellen sie zugleich in Frage.

Gjon Karma (links) und Enver Hoxha

Simo Vogli, einer der Betreuer des albanischen Standes aus Tirana, hält sich bedeckt, über Vergangenheit und Zukunft des Landes zu reden. Er spricht von einer guten, normalen staatlichen Lage und betont, dass sich auch wirtschaftlich alles zur Zufriedenheit entwickelt. „Wir befinden uns immer noch in einer Periode der Umwandlung“, sagt er. Und: „Albanien geht es heute besser als vor drei Jahren.“ Ob die kommunistische Vergangenheit alles sei, was sie hier zeigen? Nein. Vogli weist auf die in der Tat etwas versteckte Ecke mit lebensgroßen Persönlichkeiten der albanischen Geschichte hin. Dort sieht man Skanderbeg, den großen Nationalhelden, und Mutter Theresa als ruhmreiche Vertreter der albanischen Geschichte. Gjon Karma, der 17 Jahre seines Lebens in kommunistischen Gefängnissen zugebracht hat, sitzt die Arme in Ketten einträchtig neben seinem Peiniger Enver Hoxha. Ahmed Zogu, der Präsident und spätere König Albaniens, in seiner Militäruniform hebt sich in derselben gegensätzlichen Weise von seinem Gegenüber ab, dem politischen Gegner und Dichter Fan Noli im orthodoxen Priestergewand.

„Der albanische Pavillion sticht hervor durch seine Ehrlichkeit“, sagt Pastor Weinhold, der sich seit acht Jahren für dieses in sich widersprüchliche Land engagiert. „Aber die Gegensätze und auch die Brutalität der Darstellung machen klar, wie präsent die Vergangenheit noch in den Albanern ist und wie sehr sie an ihrer Überwindung kämpfen.“ Liegt die Zukunft Albaniens wirklich am Ende der Welt? „Ich hoffe nicht. Albanien liegt mitten in Europa, und wenn Europa sich nicht nur mit Worten und Finanzen, sondern auch mit motivierten Fachleuten engagiert, wird dieses resourcenreiche Land eine Zukunft haben.“

Claudia Hanisch

 

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