Entwicklungshilfe aus unserer Sicht

Datum:  |  Autor: Karl Ziegler / CHW

Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Entwicklungshilfe reichen seit kurzem wieder bis in die Spitze unserer Gesellschaft. Sie sind herausgetreten aus den Insiderzirkeln. Als ich aus Albanien zurückgekommen bin, haben viele meiner Bekannten mich darauf angesprochen, und es entstanden gute Gespräche daraus.

Zwei Grundrichtungen

Dabei stehen gewichtige Argumente für die beiden Haltungen, die man in Bezug zur Entwicklungshilfe einnehmen kann: Wir sind vor Ort und entwickeln Projekte, die dazu führen, dass der Lebensstandard steigt. Oder wir schicken Geld und Güter und überlassen es den Betroffenen, daraus etwas zu machen. Hintergrund dieser Haltungen ist zum einen: Wir besitzen das Wissen, die Erfahrung und die finanziellen Mittel, um die Misere zu beheben. Oder zum anderen: Die einzige Ressource, die vor Ort fehlt, ist das Geld. In der konkreten Aktion werden wir in der Regel eine Mischung der Motive vorfinden.

„Wecke den Tiger in dir“ – diese drei jungen Damen aus Tirana (Manjola Lushka, Aurela Kasmollari und Aurora Spahija v. l. n. r.) haben ehrenamtlich und selbstständig ein Projekt für die Kinder in Bishnica initiiert. Sie brauchten nur eine kleine finanzielle Unterstützung dafür. Der Titel des Projektes sagt, dass sie die Kinder aus dem Dorf ermutigen, etwas aus ihrem Leben zu machen, die eigenen Kräfte zu aktivieren.  (Foto: HOW)

Aus moralischer Sicht wird nie bezweifelt, dass es richtig ist, aus einer Position der Saturiertheit den Reichtum mit Menschen in Armut und Bedürftigkeit zu teilen, also Hilfe zu leisten. Es stellt sich nur die Frage: Was ist Armut und Bedürftigkeit? Macht man den Hilfebedarf am Bruttosozialprodukt fest, am Pro-Kopf- Einkommen, oder ist ein besserer Indikator die Quote der Beschäftigung? Dabei ist klar, dass auch immaterielle Werte von Bedeutung sind. Diese lassen sich aber nur schwer wissenschaftlich fassen und quantifizieren. Die Menschenwürde hat eben viele Gesichter, wie die gegenwärtige Diskussion um die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland zeigt.

Zweifelsfrei ist zudem, dass Hilfe beim einzelnen Menschen ankommen muss. Unbestritten ist auch, dass Hilfe nicht dazu führen darf, dass sich soziale Ungleichgewichtigkeiten verschärfen. Das ist leicht gesagt, aber oft nur schwer umzusetzen.

Gedanken zur Hilfe an sich

Hilfe scheint auf den ersten Blick ganz einfach. „Gebe mit offenem Herzen und ohne Hintergedanken.“ Es lässt sich aber zeigen, dass Hilfe ein komplexes Geschehen darstellt. Dies gilt für jede Form von Unterstützung anderer Menschen.

Der Grundkonflikt

Wir können beobachten, dass manche Hilfe, können wir sie langfristig betrachten, oft auch unerwünschte Wirkungen zeigt. Ich habe vor Jahren eine Simulation gespielt, in der es darum ging, in einem Trockengebiet ein Entwicklungsprojekt zu leiten. Ich habe es in dem Spiel „geschafft“, innerhalb von 25 Jahren ein stabiles Sozialsystem ins Chaos zu stürzen und den Landstrich zu verwüsten. Nachhaltigkeit ist ein Modewort. Allein die Umsetzung setzt große Feinfühligkeit voraus und verlangt, sich von vielen Denk- und Bewertungsgewohnheiten zu lösen.

Zusätzlich gilt: Hilfe kann den Grundkonflikt nicht auflösen, der darin besteht, dass der eine schwach und der andere stark ist. Aus psychosozialer Sicht kann man also nicht verhindern, dass dem, der Hilfe erhält, Kränkung in seinem Selbstwertgefühl widerfährt. Dabei ist egal, ob wir persönliche Hilfe in der Sozialarbeit, als Arzt oder Seelsorger betrachten oder in einem übergeordneten Kontext wie Entwicklungshilfe. Im übergeordneten Kontext wirkt dieser Mechanismus sogar massiver, da er sich auf unterschiedlichen Ebenen wie Nationalstolz, Traditionen der Hilfe, soziale Sicherungssysteme und weltanschauliche Bewertungssysteme von Bedürftigkeit verstärkt.

Der Typus des Helfers

Auf der Helferebene gestaltet sich das Problem relativ unproblematisch. Grob kann man folgendermaßen typisieren:

  • Der neutrale Helfer gibt, weil er einfach teilen möchte
  • Der egoistische teilt, weil er sich einen Gewinn verspricht
  • Der altruistische, weil er dem anderen Gutes tun will

Dies soll hier nicht vertieft werden, hat aber gravierende Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Helfer und Betroffenen.

Der Grundkonflikt des Hilfeempfängers

Ein kleines Projekt, das von den Frauen aus Bishnica gern genutzt wird: Die Nähstube. Nähmaschinen und Stoffe bieten den Frauen die Möglichkeit, beim Nähen von der gelernten Schneiderin Florie Gjonja (re.) angeleitet zu werden. Leonard Berberi (Mi.) richtete das Projekt im Februar 2011 ein. Die Nähstube bietet auch gute Gelegenheiten, zusammenzukommen und sich über viele Fragen zu unterhalten.  (Foto: FW)

Für den Hilfeempfänger gestaltet sich der Prozess der Hilfe vielschichtig. Durch die Selbstwertbeeinträchtigung, die allein durch die Situation der Notlage gegeben ist, entstehen folgende alternativen Reaktionen auf Notlage:

  • Der Impuls, die Situation aktiv zu verändern: Realistische Verarbeitung
  • Man verfährt weiter, als wenn nichts geschehen sei: Verdrängende Reaktion
  • Oder man gibt sich auf und verfällt in Lethargie: Depressive Reaktion

Das Ziel

Entwicklungshilfe, wenn sie am Empfänger ausgerichtet sein soll, muss immer das eine Ziel im Auge haben, nämlich die Aktivierung der eigenen Kräfte oder auch eine Innovation am Ende der Hilfsmaßnahme.

Schlussfolgerung: Entwicklungshilfe sollte nachhaltig sein. Sie ist die Anschubkraft, die zur Aktivierung der Ressourcen führen kann. Es ist tragisch, wenn Hilfe zur Abhängigkeit führt.

Über Karl Ziegler

Karl Ziegler ist Soziologe und Völkerkundler. Er wurde 1948 in München geboren, studierte dort und ist seit 1972 in unterschiedlichen Feldern der Sozialarbeit tätig. Er erhielt Lehraufträge an der Münchener Fachhochschule zu verschiedenen Themen (Psychiatrie, empirische Sozialforschung, Erkenntnistheorie und Wissenssoziologie). Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in den letzten Jahren lag in Konzepten zur Selbsthilfe, in Hilfeprozessen, die zur Stärkung der Betroffenen führen, in Recovery and Empowerment in der psychiatrischen Praxis.

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