Entwicklungshilfe konkret

Datum:  |  Autor: Karl Ziegler / CHW

Wenn ich die beiden Stränge der Argumentation in den beiden vorigen Artikeln zusammenführe, ergeben sich für Entwicklungsprojekte folgende Bedingungen: Projekte müssen die Beziehungen zwischen Ballungsräumen und Landregionen stützen und fördern.

Helfer als Dienstleister

Projekte müssen die Würde der Menschen vor Ort wahren und bewahren. Eine Hilfe kann ohne einheimische Experten nicht gelingen. Der Helfer sollte sich also besser als Dienstleister verstehen. Das vermeintliche Defizit an strukturellen Bedingungen, wie Rechtssicherheit, Staatsetat für Infrastrukturprogramme u. ä., liegt daran, dass es den Albanern versagt war, an mitteleuropäischen Entwicklungen teilhaben zu können.

Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt

Projekte müssen sich prüfen an dem Ermutigungsfaktor. Das bedeutet, die Beziehung muss so gestaltet werden, dass der einzelne Mensch in diesem Projekt wachsen kann. Projekte müssen berücksichtigen, dass der Staat wenig ausgleichen kann. Das heißt, nur persönliche Hilfe kommt an. Es besteht die Gefahr, dass Gelder in dubiosen Kanälen landen.

Das ergibt ein Spannungsfeld: Strukturelle Hilfe muss durch individuelle Hilfen realisiert werden. Wenn wir Hilfe am einzelnen Menschen festmachen, sollte die Hilfe als Struktur wirken. Im Konkreten kann man diese Forderung deutlich verfolgen an einem Projekt des CHW.

Das Internatsprojekt des CHW

Die Kinder des Internats im September 2011. Sie werden von unserer Mitarbeiterin Jonida Veliou betreut.   (Foto: Steffen Thomas)

Das Internatsprojekt schafft Arbeitsplätze in Bishnica. Der Einzelne, der einen Arbeitsplatz im Projekt gefunden hat, profitiert davon. Kindern ist es so möglich, die Schule zu besuchen. Die Infrastruktur wird so gestärkt. Die Würde des einzelnen Menschen ist gewahrt, da die Hilfe mit einer Gegenleistung verbunden ist. Der einzelne Mensch hat sein Auskommen, kann sich wirtschaftlich verbessern.

Die Hilfsorganisation kann die Realisierung begleiten und steuern. Eingestellt wird nicht, wer die richtigen Beziehungen hat, sondern Ausschlag gibt die Qualifikation.

Die Entwicklung auf der Strukturebene geschieht im Einverständnis mit der sozialen Gemeinschaft, da Eltern die Freiheit haben, ihre Kinder dort hinzuschicken. Somit kann man davon ausgehen, dass in diesem engen Feld der Modernisierungsprozess befürwortet wird.

Was zu vermeiden ist

Ein Gegenbeispiel von einem mir Bekannten, der 13 Jahre in Afrika gearbeitet hat: Mein Freund arbeitet in einem landwirtschaftlichen Projekt. Er gab einem begabten Arbeiter eine Vorarbeiter-Position. Das Ergebnis: Nach kurzer Zeit verhielt sich dieser wie es in der Kultur üblich ist. Vorarbeiter arbeiten nicht mehr direkt, sondern leben das Machtgefälle aus. Es ist unter der Würde eines Vorarbeiters, sich die Hände schmutzig zu machen. Man kann durch diese Position angenehme und unangenehme Arbeiten verteilen und damit seinen Status erhöhen. Ergebnis ist demzufolge: Zwar hat der Einzelne ein besseres Auskommen, allein an den Strukturen hat sich nichts geändert.

Modernisierung gestalten

Modernisierung von Gesellschaftssystemen bedeutet immer Strukturwandel. Entwicklungshilfe hat immer implizit Modernisierung im Blick. Das bedeutet aber auch, dass der Helfer eingreift in soziale Systeme.

Ich bin der festen Überzeugung, dass dies das Einverständnis der Betroffenen voraussetzt. Bei der Hilfe für den Einzelnen ist dies in der Regel leicht zu bekommen. Wer möchte schon auf ein geregeltes Einkommen verzichten. Auf der strukturellen Ebene gestaltet sich dies ungleich schwerer. Beim Internatsprojekt ist dieses Einverständnis ebenfalls gut zu evaluieren. Nur die Eltern geben ihre Kinder dort hin, die mit dem Konzept des Internats einverstanden sind.

Die Lehrer der Schule aus Bishnica haben den Verein gebeten, das Internat weiterzuführen und außerdem hat das zuständige Schulverwaltungsamt aus Pogradec sich sehr dankbar darüber geäußert, dass der CHW sich für die Bildung der Kinder aus der Kommune Velcan einsetzt. Diese Prüfung sollten alle Entwicklungsprojekte durchlaufen.

Ergänzend ist hier noch zu vermerken, dass durch die Aktivitäten des CHW die Kommune Velcan in Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft auch die Schule in Bishnica modernisiert hat. Damit ist eine moderne Schulbildung gewähleistet.

Über Karl Ziegler

Karl Ziegler ist Soziologe und Völkerkundler. Er wurde 1948 in München geboren, studierte dort und ist seit 1972 in unterschiedlichen Feldern der Sozialarbeit tätig. Er erhielt Lehraufträge an der Münchener Fachhochschule zu verschiedenen Themen (Psychiatrie, empirische Sozialforschung, Erkenntnistheorie und Wissenssoziologie). Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in den letzten Jahren lag in Konzepten zur Selbsthilfe, in Hilfeprozessen, die zur Stärkung der Betroffenen führen, in Recovery and Empowerment in der psychiatrischen Praxis.

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