Flucht vor der Wirklichkeit

Datum:  |  Autor: Claudia Hanisch / CHW

Durch Binnenmigration und Auswanderung blutet die Bevölkerung Albaniens langsam aus. Während es dem Normalbürger im Kommunismus nicht erlaubt war, ohne Genehmigung den Wohnort zu wechseln, streben jetzt vor allem die Dorfbewohner Albaniens einem besseren Leben in den Städten zu. Das ist verständlich: Schulbildung und medizinische Versorgung sind meist mehr als mangelhaft in ländlichen Gegenden. Dazu kommt noch, dass gerade die abgelegeneren Regionen schwer zugänglich sind.

Deshalb investieren viele Menschen aus den Dörfern ihr ganzes Geld in Wohnraum in den Städten. Viele erwerben aber auch günstig Land in den städtischen Randgebieten, um selbst zu bauen. Nahe der Hafenstadt Durres zum Beispiel entwickelte sich ein trockengelegter Sumpf zum beliebten Zuzugsgebiet, weil die Grundstückspreise niedrig sind und dort allgemein ohne Baugenehmigung gebaut wird. Diese fast Slum-ähnliche Siedlung wird von den Abwasserkanälen der Hafenstadt durchzogen, es gibt nur einmal am Tag Wasser und auch nur Feldwege, und der Alltag holt die Zugewanderten schnell aus der Illusion, jetzt wären sie am Ziel ihrer Träume. Während sie auf dem Land ihr täglich Brot noch selbst anbauen konnten, muss nun alles gekauft werden, selbst das Wasser, weil es hier nicht trinkbar ist. Es gibt zwar Arbeit in Nähereien und im Baugewerbe, aber die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung lassen zu wünschen übrig.

Jeder Fünfte abgewandert

Deshalb versuchen viele Menschen, nach Griechenland und Italien zu emigrieren. Allein zwischen 2000 und 2001 ist die Bevölkerungszahl des Landes um 314.000 Menschen zurückgegangen. Für einen Staat mit nur drei Millionen Einwohnern bedeutet das einen Verlust von zehn Prozent der Bevölkerung! Das mag daran liegen, dass die genannten Haupteinwanderungsstaaten begonnen haben, den in der Regel illegal zugezogenen Albanern einen rechtmäßigen Aufenthaltsstatus zu gewähren. Das heißt, dass diese jetzt aus der Statistik verschwundenen Einwohner möglicherweise schon lange im Ausland gelebt haben und erst jetzt als Ausgewanderte erfasst wurden. Im Allgemeinen rechnet man allein in Griechenland mit 500.000 und in Italien mit 200.000 albanischen Immigranten – das ist mehr als jeder fünfte albanische Staatsbürger.

Mittlerweile zeichnet sich die Tendenz ab, dass Männer, die sich durch ihre jahrelange Arbeit im Ausland etabliert haben, ihre Familien dorthin nachholen. Auch das ist jetzt auf legalem Wege möglich. Eine gezielte Einwanderungspolitik von Kanada und den USA lockt außerdem viele Albaner mit Hochschulausbildung und Fremdsprachenkenntnissen mit dem Erwerb der „Green Card“ aus dem Land.

Trügerische Hoffnungen

Enver Hodscha, der kommunistische Diktator, hatte die Einwohnerzahl Albaniens von 1945 mit 1,1 Millionen auf 3,4 Millionen im Jahre 1992 schier verdreifacht, während viele Leute jetzt vor seinem schwer zu tragenden Erbe einfach weglaufen. Das goldene Europa erweist sich genauso als trügerisch: Diplom-Ingenieure und Lehrer arbeiten als Tellerwäscher und Tabakpflücker. Illegal Eingereiste müssen sich verstecken. Man leidet unter Ausländerfeindlichkeit und den Aktionen der Mafia, die den Ruf des albanischen Volkes auf das Schlimmste ruinieren. Heißt es dann in dem Heimatland bleiben?

Albanien braucht Menschen, die in seinen Aufbau investieren. Es braucht Menschen, die da bleiben und sich auf die Perspektive für ein Land einlassen, das zwar immer noch am Boden liegt, in dem aber noch so vieles hervorgebracht werden kann, wenn alle zusammenarbeiten und sich füreinander statt nur für sich selbst einsetzen lernen.

Claudia Hanisch

 

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