Frieder Weinhold: „Albanien braucht unsere Partnerschaft noch mindestens 20 Jahre“

Datum:  |  Autor: epd / CHW

Wismar (epd). Die Albanienhilfe des Christlichen Hilfsvereins Wismar feiert am Wochenende ihr 20-jähriges Bestehen. Neben einem Empfang im Rathaus sind am Samstag auch mehrere Vorträge geplant. Am Sonntag gibt es einen ökumenischen Gottesdienst in der Neuen Kirche. Der 58-jährige Frieder Weinhold, der von 1985 bis 2009 als evangelisch-methodistischer Pastor in der mecklenburgischen Hansestadt arbeitete, hat die Albanienhilfe Wismar gegründet. Der gebürtige Sachse ist heute hauptamtlich Projektmanager der Albanienhilfe und rechnet damit, dass die Partnerschaft mit dem Balkanland mindestens noch weitere 20 Jahre benötigt wird.

epd: Wie kam es vor 20 Jahren dazu, dass Sie die Albanienhilfe initiiert haben?

Frieder Weinhold: Die Geschichte begann eigentlich schon Anfang 1987. Damals war ich als Delegierter der Evangelischen Allianz in der DDR am Rande eines Jugendmissionskongresses in den Niederlanden gefragt worden, ob wir aus dem Osten nicht ins verschlossene Albanien reinkämen. Und dann hatten wir im November 1991 in Wismar eine Veranstaltung mit einem internationalen Hilfs- und Missionswerk, das erste Kontakte in das sich öffnende Albanien hatte und um Unterstützung bat. Ich fragte unsere Kirchgemeinde, ob sie mitmachen wollte. Im Februar 1992 startete dann der erste Hilfstransport aus Wismar, unter anderem mit Schulheften, Arbeitsschuhen, Werkzeugen, Krankenhausbedarf.

Was für ein Land war Albanien damals?

Es war total in sich zerstört. Autos gab es kaum. Die LKWs waren schrottreif. Straßenbäume wurden für Feuerholz abgehackt. Die Geschäfte waren total leer. Die Menschen hungerten. Die Infrastruktur war zusammengebrochen. Staatliche Lager wurden geplündert. In öffentlichen Gebäuden fehlten oft die Fensterscheiben, weil die Leute sie für ihre eigenen Häuser brauchten. Kinder liefen in den Bergdörfern barfuß im Schnee. Hintergrund ist, dass Albanien als stalinistische Diktatur ganz autark leben wollte und nur Ware gegen Ware handelte. In vielen Dörfern durften die Bauern noch nicht einmal ein eigenes Huhn besitzen.

Was für ein Land ist Albanien heute?

Albanien hat sich, mit einigen Turbulenzen zwar, doch sehr entwickelt. Es gibt starke wirtschaftliche Bemühungen. Die Leute wollen etwas bewegen, das ist auch ein Stück des Nationalstolzes. Die Isolation des Landes ist aufgebrochen. Das liegt auch daran, dass viele Albaner nach der Wende ins Ausland gingen, um zu arbeiten. Zudem haben viele kirchliche Hilfswerke aus verschiedenen Ländern etwas getan.

Was hat die Wismarer Albanienhilfe geleistet?

Uns war immer wichtig, etwas mit den Albanern zusammen zu tun. Deshalb waren wir in den ersten Jahren mindestens 14 Tage in den Bergdörfern der Region Bishnica, um beispielsweise Schulen und Arztstationen zu reparieren. Wir haben mit Kindern gemalt, gespielt, ihnen biblische Geschichten erzählt. Und die Familien besucht. Einen Ausländer als Gast beherbergen zu können, ist für Albaner eine Ehre.

Was leistet die Albanienhilfe heute?

Wir unterhalten eine Hilfsstation und ein Pflegehaus für Senioren und Behinderte. In Bishnica haben wir ein Internat für Schüler aus Bergdörfern, damit sie zur Schule gehen können. Für eine Kommune haben wir ein Müllfahrzeug besorgt. Etwa 20 Bergdörfer erreichen wir mit unserer Weihnachtspäckchen-Aktion. Weiterhin kümmern wir uns um die Sanierung von Schulen, besorgen Schulmöbel.

20 Jahre Hilfe ist eine lange Zeit. Soll die Hilfe weitergehen?

Anfangs haben wir nur punktuelle Einsätze gemacht, so drei bis fünf pro Jahr. Ab 1997 lebten immer drei, vier Deutsche in den Bergdörfern, um dort mit Albanern zu arbeiten. Jetzt haben wir keine Deutschen mehr da, aber ein Super-Team aus neun albanischen Mitarbeitern, das Sozialarbeit macht. Die brauchen unsere finanzielle Unterstützung, Partnerschaft und Beratung mindestens noch 20 Jahre. In den Bergdörfern sind die sozialen Probleme noch sehr groß.

Was ist als nächstes Vorhaben geplant?

Wir streben gemeinsame Länderprojekte an, etwa mit einer niederländischen Organisation, um die Situation der Frauen durch Bildungsmaßnahmen zu verbessern. Da geht es auch darum, wie sie ihre eigenen Produkte vermarkten können und was Hygiene im modernen Haushalt bedeutet. Die Leute müssen ja den Sprung vom Mittelalter in die Neuzeit bewältigen.

Wie haben die Menschen in den Bergdörfern auf die Albanienhilfe aus Wismar reagiert?

Erst waren sie sehr verhalten – wir waren ja die ersten Ausländer dort. Dann tauten sie langsam auf. Dass in Bishnica 1998 sogar eine Kirchgemeinde entstand, war der Wunsch der Leute dort, die zu uns kamen.

Was können wir Deutsche von den Albanern lernen?

Die Gastfreundschaft und dass der alte Mensch noch zählt und geachtet wird. Die Familienbindung ist ganz stark. Man hilft einander, steht einander bei. Allerdings geht durch die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen 20 Jahre und die damit verbundene Landflucht vieles verloren. Hier müssen wir mit unseren Sozialprojekten ansetzen, denn viele soziale Institutionen wie Altenheime gibt es nicht, weil sie durch die Familienstrukturen früher so gut wie nicht gebraucht wurden.

In wieweit spielt der muslimische Glaube noch eine Rolle? Ist da auch viel verloren gegangen durch die Zeit der Isolation?

Albanien bezeichnete sich selbst als den ersten atheistischen Staat der Welt. Seit 1968 gab es ein totales Religionsverbot. Männer mussten sich rasieren. Bärte als eventueller Hinweis auf den muslimischen oder orthodoxen Glauben waren verboten. Mit einem gefärbten Osterei erwischt zu werden, hätte acht Jahre Gefängnis bedeutet. Es sind christliche und wohl auch islamische Geistliche zu Tode gebracht worden.

Wie viele Menschen engagieren sich für die Wismarer Albanienhilfe?

Gut 4.000 Menschen in ganz Deutschland erhalten unsere Informationsblätter. Etwa 2.000 Spender unterstützen uns finanziell. Etwa 1.000 Mitarbeiter sind namentlich als Mitwirkende erfasst.

Was sind das für Menschen?

Weil die evangelisch-methodistische Gemeinde in Wismar sehr klein ist, haben wir von Anfang an die Grenzen der Gemeinde überschritten und Nichtchristen sowie Christen anderer Konfessionen einbezogen.

Was gab Ihnen persönlich das Engagement für Albanien?

Eine tiefe Sinnerfüllung. Es hat neue Freunde geschenkt und den Horizont erweitert. Als einer, der in der DDR aufgewachsen ist, hatte ich vorher wenig Kontakt zu anderen Kulturen.

Ist es schwierig, Menschen für die Albanienhilfe zu begeistern?

Das ist nicht so schwierig. Es gibt genügend Leute, die sich sinnvoll engagieren wollen.

 

epd-Gespräch: Anne-Dorle Hoffgaard
Quelle: Evangelischer Pressedienst

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