Gebt ihnen Hoffnung

Datum:  |  Autor: CHW

Internatskinder am Zaun vor dem Internat

Die Welt der Bergdörfer

Seit fast zwei Jahren arbeite ich mit den Kindern von Bishnica, und sie haben mein Leben unglaublich verändert. Viele ihrer Gesichter haben sich mir eingebrannt. Diese Gesichter sind leicht zu lesen; ich kann in ihren Augen die Nöte des Lebens sehen, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Familie, aber auch ihr Verlangen nach Wissen.

Das Leben in den ländlichen, abgelegenen Dörfern hier in der Mokra-Region ist völlig anders als alles, was ich bisher kannte. In der Stadt haben die Kinder viele Möglichkeiten: Schulbildung, Freizeit- und Sportangebote, Fußball, Basketball … Bei den Kindern hier habe ich ein leeres Leben vorgefunden. Nicht wenige wachsen ganz ohne Kindheit auf. Und nach der Schule? Hier oben ist für die meisten von ihnen dann Schluss mit Ausbildung. Entweder sie verlassen auf der Suche nach einer besseren Zukunft die Gegend, oder sie bleiben bei der einfachen landwirtschaftlichen Arbeit zuhause.

Die Kinder von Bishnica und den anderen Bergdörfern sind vergessene Kinder. Die Menschen in der Stadt interessieren sich nicht für sie; nur selten kommt jemand hier hoch. Deshalb ist die Arbeit der Diakonia Albania wirklich etwas Besonderes.

Freizeitbeschäftigung

Freizeitbeschäftigung

Hausaufgabenbetreuung

Hausaufgabenbetreuung

Was die Kinder brauchen

Die Kinder von Bishnica sind wertvolle Menschen, und sie brauchen uns. Wir sind dazu da, ihnen zu geben, was sie brauchen: Kleidung, Mahlzeiten, medizinische Behandlung, psychologische Betreuung, freundschaftliche Beziehungen, Spiele und vor allem eine warme Hand an ihrer Seite. Über das hinaus, was wir ganz praktisch für sie tun, ist es nötig, dass wir ihnen unsere Seele öffnen, Stärke und Hoffnung vermitteln – Hoffnung, dass sich auch in ihrer abgelegenen Bergregion die Dinge ändern können. Durch unseren Dienst wollen wir sie den Mut lehren, nicht aufzugeben. Sie sollen sich so fühlen können wie andere Kinder auf der Welt. Dadurch wollen wir ihnen eine Kindheit geben und eine Grundlage für ihre Zukunft.

Für unsere Kinder ist das Leben im Internat gleichzeitig schön und herausfordernd, schwer und bereichernd. Auch bei uns ist das tägliche Leben nicht immer leicht. Dennoch: Das gemeinsame Leben mit Schule, Betreuern und Aufsichtspersonal, Gemeinde und Dorfgemeinschaft gibt ihnen eine reale Hoffnung. Sie wissen, dass es hier viele Menschen gibt, die sich um sie kümmern und ihnen helfen. Sie glauben, dass sie noch Gutes zu erwarten haben, dass ihr Wohlergehen zunehmen wird. Das ist das Wichtigste, was wir ihnen geben können.

Lernen, zielorientiert zu leben

Sicher hat sich jedes der Kinder im Internat schon mindestens einmal gefragt: Werde ich in ein paar Jahren etwas geschafft haben? Werde ich das sein, was ich sein möchte? Unabhängig davon, dass wir hier so isoliert und weit weg von allem leben?

Ich glaube, dass die Beschäftigung mit persönlichen Zielen uns auch immer mit der Notwendigkeit konfrontiert, etwas an uns selbst zu ändern: etwas an unserer Lebensweise, an unseren Beziehungen zu anderen, in der Schule, im persönlichen Leben, manchmal auch etwas, das nicht wirklich benannt werden kann. Seine Ziele zu erkennen ist der erste Schritt; die nächste Schwierigkeit ist dann, die Ideen in die Praxis umzusetzen. Besonders schwierig ist, Veränderungen im Leben der Kinder dauerhaft zu integrieren; also weiter voranzugehen, auch wenn der anfängliche Wunsch nach Veränderung bereits verblasst ist, wenn die Motivation nachlässt.

Es gibt Hilfsmittel, die unsere Veränderungsbereitschaft anregen. Dabei müssen wir bedenken, dass „Veränderung“ für manche von uns bedeutet, uns selbst besser kennen zu lernen; für manche bedeutet „Veränderung“, etwas Neues in ihr persönliches Leben zu bringen. Für wieder andere bedeutet es ganz einfach, etwas zu ändern.

Psychologische Betreuung: Aufwärmspiel zu Beginn der großen Runde

Psychologische Betreuung: Aufwärmspiel zu Beginn der großen Runde

An der Motivation arbeiten

„Wie kann ich mein Leben hier im Internat ändern?“ Diese Frage ist sehr wichtig, denn die Kinder, die sich verändern möchten, um ihre positiven Seiten zu stärken, werden eine viel längere, anhaltendere Veränderung erleben als diejenigen, die einfach deshalb ändern wollen, um den Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden.

Die Ziele, die wir den Kindern aufzeigen, gehen nicht nur bis zur neunten Klasse (so lange sind sie bei uns), wir denken darüber hinaus. Auch ich als Psychologin berate die Kinder bereits mit Hinblick auf ihre berufliche Ausrichtung. Diese Beratung motiviert sie, ebenso die Aussicht auf ihre spätere Arbeit. Die Begleitung durch Menschen, die daran interessiert sind, ihnen weiter zu helfen, gibt ihnen Stärke und Vertrauen.

In einem unserer Beratungsgespräche konnte ich feststellen, dass die Kinder eine bessere Leistung und weniger Schwankungen aufweisen, wenn sie sich ihre Ziele und Fortschritte geistig vorstellen können. Daher habe ich mit ihnen eine Übung ausprobiert, die auch bei der Vorbereitung von Hollywood-Filmen eingesetzt wird: „Schaffe dir zuerst eine Vision von dem, was du ändern möchtest. Versuche, dieses Bild für dich selbst klarer werden zu lassen. Konzentriere deine Augen und deinen Geist darauf. Dann füge Details dazu: Was muss verändert werden, um dieses Ziel zu erreichen? Gehe immer weiter zurück, um dir klar zu werden, mit welchen Schritten du dein Ziel erreichen kannst.“ Diese Übung hilft in zwei wichtigen Aspekten:

  1. Sie erinnert die Kinder daran, dass wir an etwas arbeiten, das positiv und wichtig für sie ist.
  2. Sie hilft ihnen, über neue Wege nachzudenken, wie sie zu ihrem gewünschten Ziel kommen können.

Die Herausforderung für uns als Mitarbeiter

Natürlich wirft uns das „reale Leben“ immer wieder Steine in den Weg. In der ganzen Gegend hier gibt es kaum Fortschritte, und die sind meist sehr langwierig. Das ist in der Mentalität der Menschen zu spüren, auch die Kinder sind von Geburt an damit aufgewachsen. Und auch die Internatsmitarbeiter haben oft Angst davor, lange Veränderungsprozesse überhaupt erst anzugehen; statt dessen stürzen wir uns auf die kleinen Dinge, die jetzt und hier erreicht werden können. Das ist natürlich nicht verkehrt. Wir sollten dabei aber auch den langfristigen Zielen Raum geben, damit sie die Chance haben, uns voran zu bringen.

Gruppenspiel zur Vertrauensbildung

Gruppenspiel zur Vertrauensbildung

Kleingruppengespräch über Optionen zur Konfliktbewältigung

Kleingruppengespräch über Optionen zur Konfliktbewältigung

Bei einem unserer Treffen sagte ich zu den Kindern: „Habt keine Angst, bei irgend etwas Anfänger zu sein. Habt Spaß daran zu lernen, Fortschritte zu machen, manchmal auch etwas noch nicht zu können.“ Wer seinem weit gesteckten Ziel folgt, akzeptiert auch, dass auf dem Weg dorthin nicht alles klappt. Es gibt Schritte vorwärts, manchmal auch Rückschritte, bis man am gewünschten Ziel angelangt ist.

Diese Einstellung hilft uns, nicht aufzugeben. Und auch das gilt nicht nur für die Kinder – wir Mitarbeiter der Diakonia Albania klammern uns ebenfalls an die Hoffnung. Unsere Ziele helfen uns, den richtigen Weg zu finden, auch in den dunklen Momenten unserer Arbeit. Durch Liebe und Hoffnung können wir den Kindern eine Zukunft geben.

Über Diola Malasi

Diola Malasi

Die Kinderpsychologin Diola Malasi arbeitet beim Jugendamt der Stadt Librazhd. Zwei Mal im Monat fährt sie nach Bishnica, wo sie die Internatskinder in ihrer Entwicklung und ihren Problemen betreut und die Mitarbeiter schult.

 

Weitere Informationen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

.