Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Datum:  |  Autor: Akil Pano / CHW

Warum gibt es so viel Elend auf der Welt? Wie kann Gott dabei zuschauen? Was können wir als Christen tun? Für Pastor Akil Pano und seine Gemeinde in Tirana ist Armut ein alltägliches Thema. Sein Vortrag auf dem Vereins­seminar 2014 eröffnete biblische Einsichten in das Thema und Ansätze zu seiner Lösung.

Die grundlegenden Fragen

Immer vor den Wahlen machen Politiker Versprechungen ans Wahlvolk – so funktioniert das politische System. Auch bei allen großen Revolutionen ging es um die Themen „Gerechtigkeit“ und „Wohlergehen“. Lenin versprach, der Kommunismus würde Brot für alle bringen. Jesus ging noch weiter, als er sagte: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird keinen Hunger mehr haben.“ Und als die ersten christlichen Gemeinden entstanden, waren „Versorgung“ und „Teilung“ wichtige Themen: Die Christen lebten in einer geistlichen und materiellen Gemeinschaft, die großen Eindruck auf ihre Umgebung machte, und jeden Tag führte Gott neue Menschen zur Gemeinde (Apg. 2, 42 – 47).

Warum ist das heute nicht mehr so? Warum werden die Gemeinden kleiner und der Islam breitet sich aus? Warum verlieren christliche Werte an Bedeutung? Warum sind sogar Kinder aus christlichen Familien nicht am Glauben interessiert? Es tut weh, solche Fragen zu stellen, denn es geht um unsere Kinder, um die Menschen um uns herum.

Die Botschaft der Bibel hilft, Antworten zu finden. Um es gleich deutlich zu machen: Es geht nicht nur darum, etwas zu spenden und an Not leidende Menschen zu schicken. Es geht um eine andere Sicht auf das Leben. Dazu gehört zunächst die grundlegende Einsicht, dass nicht wir selbst im Mittelpunkt stehen – Gott steht im Zentrum.

Dem Problem ins Auge sehen

1996 hat der Besuch bei einer Familie außerhalb von Tirana mich und meine Sicht auf Armut für immer verändert. Diese Familie war vom Land zugezogen. Sie wohnte in einem Hühnerstall ohne Türen und Fenster, das Dach war undicht, es war dreckig. Als ich herein kam, waren dort fünf Kinder, der psychisch kranke Vater (35), die Frau sah aus wie 60. Es gab keine Möbel, kein Bett. Am Ende des Raums lag eine alte, gelähmte Frau, gebettet auf einem Türblatt mit zwei Decken. Das kleinste Kind war 9 Monate alt, es hatte Fieber und lag neben der kranken Oma auf einem Laken voller Fliegen. Um überleben zu können, arbeitete die Frau 8 bis 10 Stunden täglich auf den Feldern, für 1,50 Euro am Tag. Ich betete für die kranke Oma, hatte aber nichts dabei, um praktisch zu helfen. Damals hatte unsere Gemeinde etwa 30 Mitglieder; wir fingen an, jede Woche zusammenzulegen, um dieser armen Familie zu helfen. Und dann vielen anderen.

Armut in Europa: Besuch bei einer Familie im Osten Albaniens

Armut in Europa: Besuch bei einer Familie im Osten Albaniens

Das war 1996, doch heute sieht es nicht viel anders aus. Betrachten wir unsere Lebensverhältnisse einmal aus einer globalen Perspektive: Wenn ihr nicht krank seid, geht es euch besser als der 1 Million Menschen, die täglich sterben. Wenn ihr keinen Krieg erlebt habt, geht es euch besser als 500 Millionen Flüchtlingen. Wenn ihr täglich Essen im Kühlschrank habt, geht es euch besser als 75% der Weltbevölkerung. Wenn ihr ein eigenes Bankkonto habt, gehört ihr zu einer Minderheit von 8%. Dann solltet ihr euch glücklich schätzen!

Diese Vergleiche helfen uns, unseren Platz so zu sehen wie Jesus die Welt sieht, der gesagt hat: Die Armen habt ihr allezeit bei euch.

Eine gerechte Gesellschaftsordnung

Warum haben wir so eine ungerechte Verteilung auf der Welt? Atheisten fragen: Wie kann Gott ruhig bleiben, wenn er das alles ständig mitansehen muss?

• Die erste Antwort gibt die Bibel in 1. Mose 3: Dornen und Disteln sind eine Folge des Sündenfalls; Arbeit, Schmerz und Leid kommen daher, dass wir Gott verlassen haben. Dass wir ohne Gott leben, hat unsere Welt kaputt gemacht und für immer verändert – auch wenn viele das gerne ausblenden. Wir Menschen haben unsere Philosophien schon immer so geschaffen, dass sie die Situation beschönigen. Wir arbeiten lieber an Symptomen statt an den wirklichen Ursachen. Der Kommunismus z.B. hat Privateigentum abgeschafft und den Staat als Vater- und Mutterersatz eingesetzt, aber das ist gescheitert. Auch heute beziehen politische Systeme und Bewegungen für soziale Gerechtigkeit Gott nicht mit ein.

Psalm 145 zeigt, wie Gott sich um die Menschen kümmert. Er möchte, dass wir unsere Gesellschaft auf zwei Säulen aufbauen: Gerechtigkeit und Güte. Bei uns in Albanien kann Gerechtigkeit durch die Korruption gekauft werden – mit Barmherzigkeit ist das nicht möglich.

• Mit seinen Gesetzen für Israel (in den Mose-Büchern) legt Gott die Grundlagen für eine gerechte Gesellschaft. Ein wichtiger Bestandteil ist der Sabbat als wöchentlicher arbeitsfreier Tag. 5. Mose 15 bestimmt jedes siebte Jahr als Erlassjahr, in dem Herren ihre Sklaven frei lassen und reich beschenken sollen, auch das Land soll nicht bebaut werden. Das Jubeljahr alle 50 Jahre bringt ebenfalls eine Sklavenbefreiung sowie die Rückgabe der Grundstücke, die wegen Armut verkauft wurden.

Diese Gesetze zeigen Gott als Herrn des ganzen Universums. Ihm gehören nicht nur Berge, Seen usw., sondern auch dein Haus und der Garten, den dir der Großvater vererbt hat. Ihm gehört die ganze Erde und alles, was darinnen ist. Wenn ein Armer kam und Geld ausleihen wollte, sagte Gott: Du sollst dafür keine Zinsen verlangen. Im kapitalistischen System dagegen sind die Banken ein treibender Motor. Gott wollte nicht, dass du Zinsen für dein Haus oder dein Auto zahlst!

Barmherzigkeit, die die Welt verändert

Im Neuen Testament sehen wir Jesus, der als Diener gekommen ist. So wie er es vorgelebt hat, sollen die Gesunden und Starken sich um die Armen und Schwachen kümmern und ihnen dienen. Das zeigen z. B. die Geschichten vom barmherzigen Samariter, vom reichen Lazarus und dem armen Mann, von den Arbeitern im Weinberg usw. Jesus möchte, dass wir einander sehen: Wer ist mein Nächster?

Die Welt sucht in uns Jesus. Sie möchte unseren praktischen Glauben sehen. Analysten, Philosophen, Politiker, Journalisten etc. wollen Christen nicht hören, wenn wir das Werk Gottes schlecht präsentieren. Wir haben jedoch keinen Grund, uns schamhaft zu verstecken. Alles was wir brauchen ist in uns – wir müssen nur das Wort Gottes richtig verstehen und danach handeln.

Das Vorbild Jesu zeigt uns, worauf es ankommt: Sich demütigen und zum Diener aller werden. Darin liegt die Kraft, die Menschen aus der Armut hilft, die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hervorbringt. Darin liegt unsere Berufung und unsere Ehre als Christen.

Fazit

Die Gläubigen im ersten Jahrhundert haben alles verkauft und geteilt; es gab keine Notleidenden und die Gemeinde wuchs. Sie lebten so, weil sie erwarteten, dass Jesus sehr schnell wiederkommt. Erwarten wir das auch? Selbst wenn nicht: Was nützt uns Reichtum, den wir nach dem Tod eh nicht mitnehmen können?

Jesus sagte: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon (Lukas 16,9). Also: Lasst uns alles benutzen, was wir haben, und damit Gott dienen, der möchte, dass allen Menschen geholfen wird. Lasst uns ehrlich sein mit uns selbst und mit ihm.

 

Über Akil Pano

Pastor Akil Pano hat in Tirana Geschichte studiert und leitet dort die Gemeinde „Ungjilli i Krishtit“. Daneben ist er General­­sekretär der Evangelischen Allianz Albaniens (VUSH) und seit 2014 Mitglied im Vorstand der Diakonia Albania (DA).

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