Kleine albanische Landeskunde

Datum:  |  Autor: Karl Ziegler / CHW

Die Landeskunde Albaniens weist Besonderheiten auf, die für die Gestaltung von Entwicklungshilfeprojekten zu bedenken sind.

Geschichtliche Besonderheiten des Landes

Albanien verweist auf eine lange Kulturgeschichte. Siedlungsspuren können bis 100.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung nachgewiesen werden. Schon zur Römerzeit finden wir ein ausdifferenziertes Herrschaftsgebiet. Albanien ist das alte Illyrien.

In der Folge wird dieses Land zwar immer wieder von fremden Kulturen erobert und besetzt, behält aber immer seine sprachliche Identität. Albanisch stellt eine Sprachinsel dar. Nach albanischer Lehrmeinung lässt sich die Sprache auf das Illyrische zurückführen. In vorchristlicher Zeit existierte in diesem Raum über Jahrhunderte, bis 165 v. Chr., eine Hochkultur. Diese Epoche scheint immer noch im Bewusstsein der albanischen Menschen lebendig zu sein.

Das Denkmal des Volkshelden Skanderbeg im Zentrum von Tirana   (Foto: Hans Otto Weinhold)

In den folgenden fast 2.000 Jahren konnten die Albaner nur ganz kurz unter Skanderbeg (1444 bis 1465) dieser nationalen Identität auch eine äußere soziale Form geben. Die restliche Zeit war Albanien von fremden Mächten beherrscht. 1912, also sehr spät, bezogen auf den europäischen Kontext, konnte sich ein Nationalstaat gründen, der immer in der Folge um seine Souveränität bangen musste. Albanien war auch in der Neuzeit den Begehrlichkeiten der Nachbarn ausgesetzt.

Paradoxerweise besitzt Albanien, obwohl es nach den Weltkriegen zum Armenhaus Europas verkommen ist, als einziges Mittelmeerland nennenswerte Bodenschätze. Es ist ein Skandal, dass Albanien nach dieser Geschichte um Hilfe ersuchen muss. Es ist erniedrigend für albanische Menschen, die stolz sein können auf ihr Land und ihre Tradition. Und es ist skandalös für die restlichen europäischen Staaten, die dieses geschundene Land in die Rolle des Bittstellers zwingen. Es ist nun zu hoffen, dass der Integrationsprozess in die Europäische Gemeinschaft bald gelingen kann.

Die Kommune Porocan liegt im Zentrum von Albanien. Die Dörfer liegen im Hochgebirge und sind nur durch Flusstäler zu erreichen.   (Foto: Hans Otto Weinhold)

Geografie

Albanien ist ein kleinräumiges Land. Es ist ein vielfältiges Land. Es ist ein vitales Land. Bei meinen zwei Aufenthalten im Sommer und Winter 2009 konnte ich erleben, wie verwirrend unterschiedlich sich mir die einzelnen Regionen gezeigt haben: Pulsierende Moderne in Tirana, in den Zentren der Bezirke Wachstum und Entwicklung und in den Bergregionen agrarische Strukturen mit allen Vor- und Nachteilen.

Diese Spannungsfelder eines Landes im Aufbruch liegen aber nahe beisammen. Die jungen Leute, die in Pogradec oder Tirana, also in den wirtschaftlichen Zentren Arbeit gefunden haben, können die Beziehung zu ihren Wurzeln aufrechterhalten. Sie können Kontakt halten mit Familie und Freunden. Andererseits brechen die daraus resultierenden soziologischen Konflikte zwischen Tradition und Moderne direkt in den Familien auf.

Der albanische Staat

Auffällig, aber nicht verwunderlich ist, dass die Deutschen den Staat Albanien als sehr schwach erleben. Soziale Sicherungssysteme bestehen nur rudimentär. Der einzelne Albaner bewegt sich oft in Grauzonen. Gesetze und Regelungswerke existieren, können aber nur punktuell eingefordert werden.

Ein Beispiel dafür: In ganz Albanien gilt wie in Europa ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen. Niemand hält sich aber daran. Kurz nach der Einführung haben sich fast alle daran gehalten. Nachdem aber klar war, dass niemand sich um die Einhaltung des Verbotes kümmert, hielten sich allmählich immer weniger Menschen daran und jetzt scheint die Regel nicht mehr zu existieren.

Das heißt, die gesellschaftliche Realität steht noch nicht in Einklang mit den gesellschaftlichen Normen. Der Staat benötigt ständig umfangreiche Mittel, um seine Normen durchsetzen zu können. Polizei, Justiz und soziale Sicherungssysteme kosten Geld. Der Staatsetat ist aber abhängig von den Steuereinnahmen. Das setzt voraus, dass es eine breite Bevölkerungsschicht gibt, die Steuern leisten kann und bereit ist, diese auch zu zahlen. Nur ein starker Staat kann dies dann erzwingen. Jedoch führen uns die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland ebenso täglich vor Augen, wie schwierig das ist und dass eine Schicht dieser Gesellschaft ebenso nicht bereit ist, Abgaben zu entrichten.

Über Karl Ziegler

Karl Ziegler ist Soziologe und Völkerkundler. Er wurde 1948 in München geboren, studierte dort und ist seit 1972 in unterschiedlichen Feldern der Sozialarbeit tätig. Er erhielt Lehraufträge an der Münchener Fachhochschule zu verschiedenen Themen (Psychiatrie, empirische Sozialforschung, Erkenntnistheorie und Wissenssoziologie). Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in den letzten Jahren lag in Konzepten zur Selbsthilfe, in Hilfeprozessen, die zur Stärkung der Betroffenen führen, in Recovery and Empowerment in der psychiatrischen Praxis.

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