Mutter Teresa: Vom albanischen Mädchen zum „Engel von Kalkutta“

Datum:  |  Autor: CHW

Mutter Teresa zählt zu den prominentesten und am meisten verehrten Frauen des 20. Jahrhunderts. Als „Engel von Kalkutta“ und Friedens­nobelpreisträgerin wurde sie einer breiten Weltöffentlichkeit bekannt. Doch nur wenige wissen, daß Anjezë (Agnes) Gonxha ­Bojaxhiu, wie ihr bürgerlicher Name lautete, Albanerin war.

Gonxha (albanisch für „Blütenknospe“) wurde am 27.8.1910 in Skopje (damals Üsküp, heute Hauptstadt von Mazedonien) als drittes Kind der Eheleute Nikola (Kolë) und Drana Bojaxhiu geboren. Der Vater stammte aus Nordalbanien, die Mutter aus dem heutigen Kosovo. Die Familie war entgegen späterer Darstellung wohlhabend und unterstützte aktiv die anti­- ­türki­sche Unabhängigkeitsbewegung.

Die Eltern sorgten für eine sorgfältige katholische Erziehung Gonxhas an der ­Mädchenschule in Shkodra. Unter dem Einfluss des jesuitischen Priesters Franjo Jambreković erhielt die junge Frau eine tiefe geistliche Prägung. Triebkraft ihres Handelns wurde fortan die Überzeugung, ein heiliges Leben entstehe durch Leiden und Selbstaufopferung als Ausdruck des Mitleid(en)s mit dem gekreuzigten Gott. Ihre Inspiration waren diesbezüglich die Schriften der französischen Nonne ­Theresia von Lisieux (1873–1897), nach der sie später ­ihren Ordensnamen wählte.

1928 trat Gonxha in den Orden der Loreto-Schwestern ein. Im Jahr darauf traf sie in Kalkutta (­Indien) ein, wo sie als Lehrerin an der ­elitären St. Mary’s High School arbeitete. 1937 wurde sie zu deren Leiterin ernannt.

Für die Ärmsten der Armen

Ihre Hinwendung zu den „Ärmsten der Armen“ begründete „Mutter Teresa“, wie sie nach den letzten Ordensgelübden hieß, mit einer direkten göttlichen Berufung während einer Zugfahrt am 10.09.1946. Sie ließ sich nun mit einigen Mitarbeiterinnen im Slum Motijhil nieder. Entgegen ihrer eigenen Aussage, sie habe dort völlig mittellos begonnen, wurde Mutter Teresa doch großzügig unterstützt. Denn der katolischen Kirche kam es nach der Unabhängigkeit Indiens (1947) sehr stark darauf an, missionarisch in diesem Land weiter ­präsent zu sein.

Mutter Teresa

So kennt sie die Welt: Mutter Teresa 1986 bei einer Pro-life-Kundgebung auf dem Bonner Münsterplatz   Foto: Túrelio (via Wikimedia-Commons), CC-BY-SA

1950 gründete Mutter Teresa ihren ersten Orden, weitere folgten. Die weißen Saris mit den drei blauen Streifen wurden zum Erkennungszeichen ihrer Nonnen. Viele Organisationen arbeiteten in Indien, doch waren sie in den Medien kaum präsent. Anders Mutter Teresa: Die Weltöffentlichkeit nahm Anteil an der Gründung ihrer Kinderhäuser, Sterbeheime und Lepra-Stationen. Das Charisma der Nonne und ihr asketischer Lebensstil faszinierte unzählige Menschen und sorgte für eine enorme Spendenbereitschaft. Die schlichte Botschaft vom Frieden, der im persönlichen Leben beginnt, fand im Zeitalter des „Kalten Krieges“ Zuspruch in Ost und West.

Bewunderung und Kritik

1979 wurde Mutter Teresa mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Hochrangige Politiker besuchten die „Ikone der Barmherzigkeit“ in Kalkutta oder empfingen sie in ihren Heimatländern. Die guten internationalen Kontakte nutzte Mutter Teresa, um Niederlassungen ihrer Orden in mehr als 130 Ländern einzurichten. Selbst in vielen Ostblock-Staaten ist ihr dies gelungen.

Den enormen Umfang ihrer Tätig­keit freilich kommentierte die Nonne mit den Worten: „Es geht nicht darum, wie viel wir tun […], es geht allein darum, wie viel wir für Gott tun.“ Ihrem eigenen Verständnis nach tat Mutter Teresa auch keine Sozialarbeit, sondern Opfer für Jesus Christus. An dieser Auffassung entzündete sich neben großer Anerkennung auch unüberhörbare Kritik. Den Vorwurf, die unausgebildeten Nonnen behandelten Kranke auf medizinisch unverantwortliche Weise, entkräftete Mutter Teresa ebenso wenig wie den Verdacht, der Öffentlichkeit völlig überhöhte Zahlen von Hilfe-Empfängern darzustellen. Auch mangelnde finanzielle Transparenz bei der Spendenverwaltung wurde wiederholt beanstandet.

Ein objektives Bild von der Lebensleistung Mutter Teresas zu gewinnen ist daher kaum möglich, zumal ihre eigentliche Persönlichkeit hinter dem Bild verschwimmt, das die Öffentlichkeit von ihr konstruiert hat. Erst kürzlich wurde über Tagebuchnotizen der Nonne ein Stück ihrer menschlichen Seite sichtbar, nämlich die einer von Glaubenszweifeln geplagten Frau.

Albanische Galionsfigur: Seit einigen Jahren begrüßt diese Statue die Besucher vor dem International ­Airport Nënë Tereza in Tirana   (Foto: Frank Brosig)

Albanische Galionsfigur: Seit einigen Jahren begrüßt diese Statue die Besucher vor dem International ­Airport Nënë Tereza in Tirana   (Foto: Frank Brosig)

Späte Anerkennung in Albanien

Nach außen gab sie sich allerdings bis zu ihrem Tod als starke Persönlichkeit. Bis ins hohe Alter reiste sie um die Welt. In zahlreichen Reden beschwor sie lebenslang den Kampf gegen Abtreibung und feministische Emanzipation. Genug­tuung dürfte es Mutter Teresa bereitet haben, als Albaniens Staatspräsident Ramiz Alia ihr 1992 die Ehrenbürgerschaft des Landes verlieh und einen nach ihr benannten Preis stiftete.

Mutter Teresa starb am 5.9.1997 in Kalkutta und erhielt ein Staatsbegräbnis. Am 19.10.2003 wurde sie selig gesprochen. Der 19.10. wird heute in Albanien als Nationalfeiertag begangen. Denkmäler, die an Mutter Teresa erinnern, stehen mittlerweile an vielen Orten innerhalb und außerhalb Alba­niens. Die Kontroverse um das Lebenswerk der Nonne wird bleiben; ihren Platz in der Geschichte freilich wird ihr niemand nehmen können.

 

Werkauswahl

  • „Geistliche Texte“  1977
  • „Worte der Liebe“  1977
  • „Lieben bis es weh tut“  1979
  • „Liebe beginnt zu Haus“  1980
  • „Der einfache Weg“  1995

Literaturempfehlungen

  • Renzo Allegri: „Mutter Teresa. Ein Leben für die Ärmsten der Armen“  3. Aufl. München, 2003
  • Aroup Chatterjee: „Mother Teresa. The Final Verdict“  Kalkutta, 2003
  • Marianne Sammer: „Mutter Teresa. ­Leben, Werk, Spiritualität“  München, 2006 (C. H. Beck Wissen Nr. 2405)
  • Norbert Göttler: „Mutter Teresa“  Reinbeck bei Hamburg, 2010 (rororo 50705)

Über Dr. Michael Wetzel

Dr. Michael Wetzel

Der Historiker und Theologe Dr. Michael Wetzel studierte Geschichte, Philosophie und Interkulturelle ­Kommunikation an der TU Chemnitz und der University of Zimbabwe. Neben seiner Vortrags- und Publikationstätigkeit arbeitet er an landesgeschichtlichen Projekten mit, außerdem ist er Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche. Seit 2003 engagiert er sich für die Arbeit des CHW in Albanien, von 2007 bis 2015 auch im Vorstand des CHW.

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