Schlechte Noten bei Pisa

Datum:  |  Autor: Dr. Michael Schmidt Neke / CHW

Auch 13 Jahre nach Ende des Kommunismus ist das Thema „Schulbildung“ ist eine große Herausforderung für Albanien, weil das Gefälle von Stadt und Dorf sehr groß ist. Der Regierung fehlt Kraft und Wille, die Menschen in ihrer gewachsenen Umgebung zu halten. So ziehen viele Menschen aus den Dörfern in die Städte, mit ihnen nicht nur schulpflichtige Kinder, sondern auch qualifizierte Lehrer.

Der internationalen Leistungsuntersuchung der 15-jährigen Schüler (PISA) schlossen sich 2002 zehn Länder an, die bei der ersten Runde nicht dabei waren, darunter Albanien mit 4.980 beteiligten Schülern. Arme Länder erzielen schlechte Resultate, während reiche Länder zumindest potenziell gut abschneiden, daher war für Albanien, das nach Moldawien ärmste Land Europas, Schlimmes zu befürchten.

Die erste Pisa-Untersuchung für Albanien

Nur 42,7 % der 15-Jährigen besuchen in Albanien trotz Schulpflicht eine Schule; Albanien ist damit unter allen untersuchten Ländern das einzige, das weniger als die Hälfte dieser Altersgruppe ins Schulsystem einbezieht. Vor allem die Töchter aus den unteren sozialen Schichten finden kaum einen Platz im System.

In den Schulklassen gibt es oft über 30 Kinder, jedoch nur wenig Unterrichtsmaterial

Bei der Lesekompetenz (Informationsentnahme, Interpretation und Reflexion) erreichten die albanischen Schüler den zweitschlechtesten Wert vor Peru. 71 % aller albanischen Schüler sind allenfalls auf der elementarsten Stufe in der Lage, Texten Grundinformationen zu entnehmen und zu bewerten. Sie haben damit keine Chance, einen höher qualifizierten und bezahlten Beruf auszuüben; annähernd die Hälfte hat nur mechanische Lesekenntnisse – oder gar keine. Nicht erfasst sind dabei jene 57,3 % der 15-Jährigen, die die Schule nicht mehr besuchen. Schwierige Texte zu verstehen und auszuwerten, was die Voraussetzung für ein wissenschaftliches Studium ist, leistet nur jeder siebzigste Schüler.

Mädchen besser als Jungen

Die Bandbreite zwischen den besten und den schlechtesten Schülern ist fast so hoch wie in Deutschland – allerdings um 100 Punkte nach unten verschoben. Die guten Schüler Albaniens sind im internationalen Vergleich also nur Mittelmaß, die schlechten nahe am Analphabetismus. Im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich erzielen die besten jungen Albaner – anders als bei der Lesekompetenz – solide überdurchschnittliche Resultate, aber mit deutlichem Abstand von der internationalen Spitze.

Während das kooperative Arbeiten nicht so zentral ist, betrachten die Albaner das Lernen als Wettbewerb. Mädchen schneiden in allen Bereichen deutlich besser ab als Jungen, was international untypisch ist. Interessant ist, dass es keinen klaren Zusammenhang zwischen Leistung und Wohlstand des Elternhauses gibt, wohl aber mit kulturellem Besitz und Aktivitäten der Familie (Besitz von Literatur und Kunstwerken, Besuch von Museen, Ausstellungen, Konzerten etc.).

Schwierige Situation in ländlichen Dorfschulen

Renovierung der Schule in Trebinje – bei Regenwetter muss der Unterricht ausfallen

Die Schwankungen der Klassengröße sind in Albanien besonders stark (Durchschnitt 30,5), wobei die kleinsten Klassen die schlechtesten Resultate erzielen. Denn sie befinden sich auf dem Lande, vor allem im Gebirge, und sind besonders schlecht mit qualifiziertem Lehrpersonal und pädagogischen Mitteln ausgestattet.

Während die Schulleiter von der Arbeitsmoral und Einsatzbereitschaft ihres Kollegiums nicht viel hielten, stellt sich aus der Schülerperspektive die Leistung der albanischen Lehrer bei der Förderung ihrer Schüler besser dar. Die Schüler bescheinigen sich selbst ein hohes Maß an Disziplin. Sie scheint aber Leistung nicht zu fördern, sondern zu ersetzen. Kleine ländliche Schulen können noch am ehesten Disziplin durchsetzen, aber nicht ihre Schüler motivieren und fördern.

Fazit

OECD und UNESCO dürfen es nicht bei der Analyse belassen. Die internationale Gemeinschaft muss den albanischen Staat dazu bewegen und dabei unterstützen, sein Bildungssystem neu zu starten. Die Ressourcen dürfen nicht in Tirana gebündelt, sondern müssen in der Peripherie verstärkt werden. Die Lehreraus- und -weiterbildung muss verbessert werden, und zugleich müssen die Lehrer besser besoldet werden. Prüfungen und Aufnahmeverfahren für weiterführende Schulen und Hochschulen müssen von Korruption befreit werden.

Eine der wenigen Leistungen des kommunistischen Systems war die Beseitigung des Analphabetismus, der bei Kriegsende schätzungsweise 85 % des Volkes umfasste. Wenn die Defizite nicht schnell beseitigt werden, wird sich Albanien bald wieder dort finden, wo es 1944 neu begonnen hatte. Es liegt an den Verantwortlichen in Tirana ebenso wie im Westen, diese Herausforderung zu erkennen.

Dr. Michael Schmidt Neke

Über Dr. Michael Schmidt Neke

Der Historiker Dr. Michael Schmidt Neke ist ein profunder Albanien-Kenner. Er bereiste das Land bereits 1975 zum ersten Mal und lernte daraufhin im Selbststudium Albanisch. Seitdem ist Albanien Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit. Er war mehrere Jahre Vorsitzender der Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft (DAFG).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.