Weihnachtspäckchen im Armenhaus

Datum:  |  Autor: OSTSEE-ZEITUNG

In 30 Dörfern wurden Kinder beschenkt. Frieder Weinhold, Chef der Albanienhilfe, sieht Bedarf an Unterstützung für das südosteuropäische Land auch in den nächsten 20 Jahren. – Ein Reisebericht von OZ Redakteur Heiko Hoffmann

Bishnica – Im Morgengrauen fahren vier geländegängige Fahrzeuge durch das Flussbett des Holtas. Im letzten Jahr blieb hier ein Toyota Hilux stecken. Frieder Weinhold, Gründer der Wismarer Albanienhilfe und Chef des Christlichen Hilfsvereins Wismar (CHW), saß sprichwörtlich bis zum Hals im kalten Wasser. In diesem Jahr kommen die albanischen und deutschen Helfer besser voran. Auch in dem Land zwischen Montenegro, Mazedonien und Griechenland hat es in diesem Herbst weniger geregnet.

Schwer zugänglich ist die Mokra-Bergregion an vielen Stellen trotzdem. Abgelegen und weit weg von der Hauptstadt Tirana haben sich die Bergdörfer seit der Wende 1990 nur wenig entwickelt. Kinder gehen zu Fuß, viele Einheimische setzen auf den Eselskarren. Dennoch: Die landschaftlichen Reize sind unverkennbar.

Nach zwei Stunden ist Porocan erreicht. 250 Schulpakete werden ausgeladen. „Menschen in Deutschland haben Päckchen gepackt, um euch eine Freude zu machen. Wir wünschen euch ein frohes Weihnachtsfest“, sagt Steffen Thomas. Der Organisationschef des Wismarer Vereins steht vor einer Schulklasse und spricht zu den erwartungsvoll gestimmten Kindern. Englantin Lushka übersetzt die weihnachtlichen Grüße. Er, 28 Jahre jung, in den Mokra-Bergen aufgewachsen, in Österreich studiert, ein Jahr in Jena ein Praktikum absolviert, kennt die Sorgen und Nöte: „Der CHW hat in den letzten Jahren einiges bewirkt und vielen Menschen Mut gemacht. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich ein Kind war. Wenn der Hilfsverein kam, war das der Höhepunkt des Jahres. Und als die Helfer weg waren, habe ich nach 14 Tagen gedacht: Wann kommen sie wieder?“

Weiter geht es nach Holtas. Der Weg wird steiler, die Gegend ist dünner besiedelt. Auf etwa 1000 Meter liegt das Dorf. 75 Familien leben in kleinen Steinhäusern mit einfacher Kochstelle. Als die Autos in Sichtweite kommen, gerät der Unterricht in der kleinen Schule zur Nebensache. Mädchen und Jungen zieht es nach draußen. Gespannt beäugen sie die Besucher.

Schulkinder in Holtas nehmen ihre Weihnachtspäckchen entgegen (Bild: Heiko Hoffmann, OZ)

Wenig später ist es mucksmäuschenstill. Pakete werden verteilt. Erst als die Erwachsenen den Raum verlassen, gewinnt die Neugierde Oberhand. Orgen strahlt, als er Bunt- und Filzstifte, Schreibhefte, Süßigkeiten entdeckt. Zahnbürste und -creme, Duschbad und Kakaopulver, Spielzeug, Luftballons und eine Brotdose liegen ebenfalls in seinem weihnachtlich verpackten Schuhkarton. „Der Teddy gefällt mir und den Taschenrechner kann ich gut gebrauchen“, freut sich der Achtjährige. Den Helfern ergeht es ähnlich. „Man muss einfach einmal in die dankbaren Augen der Kinder in den abgelegenen Bergdörfern geschaut haben, wie sehr sie sich über die Geschenke freuen. Das ist ein großer Lohn für die Mühen der Vorbereitung“, so Steffen Thomas.

Nach Schulschluss bittet der Schulleiter alle Helfer in sein Zimmer – auf einen hochprozentigen Raki. „Ihr seid immer herzlich willkommen. Gezuar!“, prostet Guri Kllogjri zu. „Wir haben noch viel Bedarf an Hilfe“, verweist der langjährige Schulleiter Xhafer Proshi auf die völlig desolaten Toiletten in einem unbeheizten Holzverschlag außerhalb der Schule.

Am Nachmittag geht es wieder zurück. 330 Pakete an zwei Schulen sind verteilt, 77 Kilometer wurden zurückgelegt.

Die Weihnachtspäckchen-Aktion ist längst gute Tradition. Zum elften Mal wird in den Mokra-Bergen so auf das christliche Fest eingestimmt. In einem Land, in dem bis zur politischen Wende 1990 jegliche Religion und der Besitz privater Autos verboten waren, das den Atheismus propagierte und als Schlusslicht in Europa galt.

Spender in Deutschland haben die Pakete gepackt. In Wismar wurden zwei Laster bestückt: mit Päckchen für Kinder, Lehrer und Familien, mit Nudelkartons für einen Kindergarten des Vereins, mit Stoffballen für die Nähstube des CHW, mit Matratzen und Bettwäsche für das vom Verein betreute Internat und die Sozialstation. Über Österreich, den Brenner, die Fähre von Ancona (Italien) nach Igoumenitsa (Griechenland) geht es nach Albanien. Am Zoll vergehen etliche Stunden Wartezeit. Nach rund 3000 Kilometern ist Pogradec, etwa 130 Kilometer von Tirana entfernt, erreicht.

Einer der vier Männer, die die Laster tagelang steuern, ist Axel Ermke. Der 56-jährige Leiter eines Mutter Kind-Hauses in Hessen ist im neunten Jahr für die Albanienhilfe tätig, nimmt dafür Urlaub, hilft mit privatem Geld. Wie all die anderen – vom Metallbauer bis Maschinenbauingenieur, vom Lkw-Fahrer bis Kinderchirurgen, vom Helfer aus Bremen bis Bayern, von Sachsen bis Österreich. „Ich fühle mich hier inzwischen wie zu Hause, Freundschaften sind entstanden. Bei den albanischen Kindern wächst die zweite Generation heran, die erste ist teilweise mit dem Studium fertig. Das ist schön zu erleben“, so Axel Ermke.

In den zwei Wochen vor Ort zwischen Gramsh und Pogradec am Ohridsee, einem der ältesten Seen der Erde, werden 2361 Weihnachtspakete in 30 Dörfern der vier Kommunen Porocan, Velcan, Trebinje und Proptisht verteilt. Angesichts riesiger Probleme wie enormer Arbeitslosigkeit, Abwanderung, unzureichender Straßen und ungelöster Müllentsorgung mag die Hilfe des Wismarer Vereins wie ein Tropfen auf dem heißen Stein wirken. Doch Ilia Mani, Bürgermeister der Kommune Velcan, winkt ab: „Ich möchte mich sehr für die Hilfe bedanken.“ Auf die Unterstützung des Hilfsvereins kann er weiter bauen. Frieder Weinhold: „Albanien braucht unsere Partnerschaft noch mindestens 20 Jahre.“

Heiko Hoffmann
aus: OSTSEE-ZEITUNG, 23.12.2011

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Artikel Teil 1, Artikel Teil 2 mit Bildern und Zusatzinformationen

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