Zurück in Holtas

Datum:  |  Autor: Ole Dost / CHW

Nach einer langen Pause machte sich Pfarrer Ole Dost im August 2015 wieder auf den Weg nach Holtas. Er kannte das Bergdof, das auch für albanische Verhältnisse sehr abgelegen ist, von früheren Einsätzen und war gespannt auf das Wiedersehen. Bei seiner Reise stieß er auf offene Türen in Albanien und abgesicherte Grenzen zur EU.

Kurz vor 22 Uhr sind alle mit der Geduld am Ende. Aus hunderten von Autos entlädt sich wütender Protest in Form eines ohrenbetäubenden Hupkonzertes. Nach der ersten Stunde war der Stau noch ein nettes Gemeinschaftserlebnis; viele Reisende spazierten an ihren „arbeitslosen“ Autos entlang im Licht der untergehenden Sonne neben der Autobahn umher. Eine Wohltat zunächst, nach der drückenden Hitze des Tages. Doch jetzt, nachdem es längst dunkel geworden ist und die Wartezeit sich auf stolze fünf Stunden zu entwickelt hat, reicht es auch uns. Nur im Schritttempo bewegen wir uns auf die Grenze zu.

Wir – das bin ich als verantwortlicher Leiter unserer Unternehmung, meine zehnjährige Tochter Friederike und Maximilian, den ich aus meinem Religionsunterricht kenne und schätze. Die Grenze vor uns ist die zwischen Serbien und dem EU-Mitglied Kroatien. Was wir in diesen Stunden für eine unverschämte serbische Schikane nach DDR-Manier halten, entpuppt sich später als verschärfte Kontrolle an der EU-Grenze aufgrund der Flüchtlingsdramen, die sich dieser Tage auf einem Teil unserer Fahrtroute ereigneten. Das war in aller Munde, uns dreien aber gänzlich unbekannt. Denn bis vor wenigen Tagen waren wir in den albanischen Bergen, wo es bis heute kein WLAN oder WiFi gibt und wo wir in Folge dessen von dem allgemeinen Nachrichtenstrom abgeschnitten waren. Genauer gesagt in Holtas.

Ein Dorf in den albanischen Bergen

Der Ort liegt an einem Berghang in schönster landschaftlicher Umgebung: Von dort geht der Blick weit in ein breit ausgewaschenes Flusstal, über Berge und Hügel. Ein Ort zum Wohlfühlen für den Gast. Andererseits jedoch auch ein Ort, den viele Leute sofort verlassen würden, wenn sie könnten. Die Bewohner sind durch die Abgeschiedenheit und die einfache Landwirtschaft in einer Situation, die mit den Lebensumständen in den ärmsten Ländern verglichen werden kann. Die albanischen Stadtbewohner ignorieren das harte Leben der Landsleute in den Bergdörfern. Umso mehr wird ein Besuch aus dem Ausland als Ermutigung und Wertschätzung empfunden und exakt darum besucht der CHW das Dorf seit 1998 regelmäßig. Zu diesen Besuchern zählte ich zwischen 1998 und 2001; damals mit studentischen Komilitonen des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen.

In diesem Sommer sehe ich Holtas und seine Menschen nach 14 Jahren wieder. Diesmal mit sechs motivierten einheimischen Freunden, einem Schüler und einer Tochter. Während Maxiliam den touristischen Teil des Landes vom Schüleraustausch unserer Schule her kennt, ist Albanien für meine Tochter etwas ganz Neues und darum ein neugierig herbeigesehntes Abenteuer. Kinderprogramm vor der Dorfschule in HoltasUnd das scheint durchaus auf Gegenseitigkeit zu beruhen: Ein Gast in diesem Alter erschien vor allem den Kindern im Dorf als eine kleine Sensation – anscheinend ist solcher Besuch noch seltener als fremde Gäste ohnehin. Jedenfalls füllte sich der Kindergottesdienst und auch sonst wurde die Dorfschule (unsere Unterkunft) mitten in den Sommerferien von Kindern „belagert“.

Ein gutes Team

In ihrer „Magnetfunktion“ bildete Friederike ein ideales Gespann mit Rudi – der junge Familienvater aus dem Dorf Strobska versteht es wie nur wenige mir bekannte Leute, Jung und Alt für die Botschaft Jesu zu begeistern. Der Kindergottesdienst war nach meiner bisherigen Erfahrung auch sonst der Renner für Kinder, die es nicht gewohnt sind, dass sich Erwachsene außerhalb der Schule mit ihnen beschäftigen.

Völlig ungewohnt war mir indes, dass nicht allein der Kindergottesdienst täglich gewünscht und frequentiert wurde, sondern auch Bibeltreffen für Männer und Frauen. Während vergangener Besuche konnten solche Treffen nur ein einziges Mal pro Einsatzphase anberaumt werden und wurden auch dann nur von Kindern und Teenies höflichkeitshalber aufgesucht. Dieses Mal wurde daraus eine tägliche Einrichtung und zog gestandene Männer und Frauen an. Viele interessierte Rückfragen zeigten, dass dies nicht allein aufgrund der angebotenen Kekse und Cola-Becher geschah. Floria, in Bishnice als Köchin im Schülerinternat beschäftigt, lief als Bibellehrerin der Frauentreffen zur Höchstform auf. Bei den Männertreffen zeigte Rudi, dass er nicht allein Kinder für grundlegende Fragen des menschlichen Daseins zu interessieren vermag.

Großes Interesse an den Gästen aus Deutschland

Gehörte der Nachmittag den verschiedenen gottesdienstlichen Veranstaltungen, so stiegen wir vormittags über Wege, die keine sind, über Wurzeln und Felsen begauf und bergab, um die Leute im Dorf zu besuchen. Ole Dost mit Tochter FriederikeDie Häuser sind über einen Berghang weit verstreut; zwei tief erodierte Täler teilen das Dorf zudem in drei Siedlungsbereiche.

Bei unseren Runden im Dorf wurden wir weder als Störenfriede noch als ungeladene Gäste angesehen. Die Bewohner erklärten, ihre eigenen Landsleute würden sich nicht in das Dorf verirren; umso mehr zeigten sie sich erfreut, Ausländer in ihren Häusern empfangen zu können. Unser Besuch und die gemeinsamen Gespräche vermittelten Wertschätzung und Anteilnahme. Genau dies brachte der amtierende Bürgermeister (der pensionierte Lehrer der Dorfschule) zum Ausdruck, als er uns während des Abschlussgottesdienstes mit einer freundlichen Dankesrede verabschiedete.

 

Der Autor

Ole Dost

Ole Dost ist ordinierter Pfarrer und arbeitet als Religionslehrer in den Gymnasien von Oberndorf und Sulz am Neckar. Während seines Studiums führte er mit Kommilitonen des Albrecht-Bengel-Hauses, Tübingen regelmäßig Einsätze im Bergdorf Holtas durch.

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