Wohnen im europäischen Haus

Datum:  |  Autor: CHW

Bei der Bewältigung der Flüchtlingswelle wurde und wird auf kommunaler Ebene sehr viel engagierte Arbeit geleistet. Über Notunterkünfte und Integration hinaus richtet sich der Blick dabei immer wieder auf die Fluchtursachen und auf die Frage, wie wir in Zukunft das Leben besser gestalten können – für alle. Auch ­Bürgermeister Volker Haack aus Krempe hat sich damit beschäftigt.

Krempe ist die zweitkleinste Stadt Schleswig-Holsteins. Unsere Einwohnzahl lag in den vergangenen Jahrzehnten bei ca. 2.300 Einwohnern; im vergangenen Jahr ist sie erstmals seit über 60 Jahren wieder auf über 2.500 gestiegen! Wie schon in den 40er und 50er Jahren lag dies auch im Jahr 2016 in einer großen Flüchtlingsbewegung begründet. Waren es damals die vielen Millionen vertriebener Landsleute aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, so sind es heute Millionen, die vor Krieg und Terror, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen.

Man kann nun zu der deutschen Flüchtlingspolitik stehen wie man will, aber nichtsdestotrotz gebietet es meiner Meinung nach die Mitmenschlichkeit, dass denjenigen, die hier ankommen, ein menschenwürdiges Verhalten unsererseits entgegengebracht wird. Darum erfüllt es mich als Bürgermeister unserer Stadt mit Stolz, dass es auch in unserer Gemeinschaft Mitmenschen gibt, die sich für die bei uns gestrandeten Menschen einsetzen.

Fluchtursachen bekämpfen

Zurzeit wohnen in Krempe 55 Asylbewerber. Die Hälfte von ihnen hat keine Bleibeperspektive, da sie aus sogenannten sicheren Herkunftsländern stammen. Eines dieser Länder ist Albanien. Ein Land, das sich erst in der 90er Jahren aus seiner diktatorischen Herrschaft befreien konnte und sich wirtschaftlich und politisch in einer noch nicht stabilen Gesellschaftssituation befindet. Persönlich kann man den von dort Geflüchteten keinen Vorwurf machen, dass sie ihr Heil in der Flucht aus ihrem Heimatland gesucht haben. Viele von uns hätten in einer vergleichbaren Situation sicher genauso gehandelt und die Chance für sich und die Familie genutzt, in einem wohlhabenden Land Zuflucht und eine bessere Zukunft zu suchen.

Damit die Fluchtursachen behoben werden können, ist es notwendig, dass es eine Zukunftsperspektive in diesen europäischen Ländern gibt. Ein kleiner Beitrag unsererseits kann sein, dass sich deutsche Städte und Gemeinden dabei engagieren, rechtsstaatliche Strukturen vor Ort zu stärken – z. B. in Albanien.

Aus diesem Grund haben wir im vergangenen Mai anlässlich des 475-jährigen Jubiläums unserer Kremper Stadtgilde nicht nur befreundete Gruppen aus den Niederlanden, Belgien, Österreich und Polen zu uns nach Krempe eingeladen, sondern mit finanzieller Unterstützung durch die EU auch eine Gruppe von sechs Mitarbeitern der Diakonia Albania (DA) aus der Region Pogradec. Wir haben mit diesen Gästen nicht nur das Jubiläum gefeiert, sondern ihnen auch bei einer Besichtigung der Amtsverwaltung unseren Verwaltungsaufbau näher gebracht sowie mit unserem städtischen Ahsbahsstift einen besonderen Aspekt der Daseinsvorsorge vorgestellt.

Albanische Gäste beim Festumzug in Krempe

Albanische Gäste beim Festumzug in Krempe

Einblick in die kommunalen Verwaltungs- und Sozialstrukturen

Einblick in die kommunalen Verwaltungs- und Sozialstrukturen

Ideen für Partnerschaft

Im Oktober dann hatte ich die Gelegenheit, die Arbeit der Diakonia in den Mokrabergen im Osten Albaniens persönlich kennen zu lernen. Ich war tief beeindruckt über das Engagement und den Enthusiasmus, mit dem die jungen albanischen Mitarbeiter ans Werk gehen. Aber vor allem die Situation der Menschen, die in den abgelegenen Bergdörfern Albaniens leben, hat mich sehr berührt. Tief beeindruckt hat mich vor allem der Besuch im Internat, das die DA in Bishnica betreibt, sowie in der dortigen Dorfschule. Es wurde mir sehr drastisch vor Augen geführt, auf welch hohem Niveau wir hier in Deutschland klagen, wenn es z. B. um hiesige Probleme in der Ausstattung der Bildungsinfrastruktur geht!

Da komme ich her: Schulbesichtigung in Albanien

Da komme ich her: Schulbesichtigung in Albanien

Gegenbesuch bei Valter Gjona im Rathaus von Velçan

Gegenbesuch bei Valter Gjona im Rathaus von Velçan

Angesichts der vor Ort gewonnenen Eindrücke stellte sich mir die Frage, wie wir den Menschen in den Bergregionen Albaniens von Krempe aus sinnvoll helfen können. Auch unsere kommunalen Mittel sind sehr begrenzt, aber es bildeten sich doch einige Ideen heraus. Sofern meine Überlegungen auch vor Ort in Albanien auf eine positive Resonanz treffen, würde ich mich gerne dafür einsetzen, die kommunale Zusammenarbeit zwischen unserer kleinen Stadt und den Bergdörfern zu intensivieren und einen interkulturellen Austausch aufbauen. Warum sollte es nicht möglich sein, mit Hilfe von EU-Fördermitteln auch albanische Schulkinder in den Sommerferien zu einem Europa-Sommer-Camp in den Norden Deutschlands einzuladen? So bestünde die Möglichkeit, zusammen mit Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen anderen europäischen Partnerländern am „europäischen Haus“ zu bauen.

Wenn es unser gemeinsames Ziel sein sollte, die innereuropäischen Fluchtursachen zu beheben, dann sollten wir daran arbeiten, dass alle „Wohnungen“ in diesem europäischen Haus möglichst gleiche Lebensbedingungen aufweisen. Und da dies ein sehr langer und zäher Prozess sein wird, ist es wichtig, die Jugend unserer Länder hierfür zu begeistern. Hierzu könnten wir hier in Krempe ein kleinen Beitrag leisten!

Über Volker Haack

Volker Haack

Volker Haack ist Bürgermeister von Krempe, der zweitkleinsten Stadt Schleswig-Holsteins. Da er zusätzlich als Berufsschullehrer ­arbeitet, war bei seinem Besuch in Albanien die Situation in den Schulen von besonderem Interesse.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

.