Zahlen und Fakten zum Thema „Armut“

Datum:  |  Autor: CHW

Armut, das sind persönliche Schicksale, dahinter stecken aber strukturelle ­Probleme. Der Vortrag von Leonard Berberi auf dem Vereinsseminar 2014 hat den Zuhörern geholfen, das Thema besser zu erfassen und zu verstehen.

Historische Wurzeln

Bei der Staatsgründung 1912 war ­Albanien immer noch eine reine Agrargesellschaft mit einem deutlich niedrigeren Pro-Kopf-Einkommen als z. B. in Griechenland oder Jugoslawien. Die Jahre 1944–1970 brachten wichtige Fortschritte bei der Entwicklung der Landwirtschaft und beim Ausbau der Elektrizität. Mit Hilfe der kommunistischen Bruderstaaten Russland und China baute Albanien eine eigene Industrie auf. Ab 1980 begann dann aber die große Hunger- und Leidenszeit für die albanische Bevölkerung.

Der Zusammenbruch des Regimes verlief in Albanien chaotischer als in anderen osteuropäischen Ländern und löste einen Massenexodus von hungernden Flüchtlingen aus. Die anschließende Umstellung auf eine freie Marktwirtschaft scheiterte erst einmal völlig, da die neue Regierung (ab 1992) keinerlei Erfahrung mit dem Kapitalismus besaß.

Mittlerweile hat sich die albanische Wirtschaft stablisiert, doch das Pro-Kopf-Einkommen (ca. 3.700 € im Jahr) ist immer noch deutlich niedriger als in den Nachbarländern. Die Arbeitslosenquote von 13,3 % mag in vielen europäischen Ländern hoch erscheinen, ist für den Balkan aber normal. Übrigens: Landbesitzer werden generell nicht in der Arbeitslosenstatistik erfasst, ebenso wenig wie die 150.000 Albaner, die in Griechenland oder Italien arbeiten. Dazu erschwert ständig zunehmende Korruption die wirtschaftliche Entwicklung und hat dazu geführt, dass nach 23 Jahren Demokratie die Mehrheit der Bevölkerung das Vertrauen in die Politiker verloren hat.

Charakteristisch zeigt das Thema „Bodenreform“ die Fehlentwicklungen und ist gleichzeitig für viele Menschen Mitverursacher für Armut. 1946 enteigneten die Kommunisten unter Enver Hoxha Tausende von Landbesitzern. Deren Familien waren 1991 treibende Kräfte für den Wechsel zur Demokratie, da sie immer noch hofften, die Enteignung würde rückgängig gemacht. Bei den ersten Wahlen 1992 gewann die Demokratische Partei 70 % der Stimmen. Doch statt den früheren Besitzern ihr Land zurückzugeben, verabschiedete die neue Regierung das Gesetz 7501, mit dem das Land, aufgeteilt in viele Kleinparzellen, an die bäuerliche Bevölkerung in den Dörfern übertragen wurde – der größte Fehler der demokratischen Regierung.

Armuts-Statistik

Versuchen wir, das Thema „Armut“  etwas in Zahlen zu fassen. Verlässliche Daten zu bekommen, ist in Albanien grundsätzlich schwierig. Wir greifen hier auf das staatliche statistische Institut INSTAT zurück, das im „Living Standard Measurement Survey“ (LSMS) alle paar Jahre die Lebensverhältnisse in Albanien untersucht. Dabei bedeutet

  • Absolute Armut: weniger als 4.891 Lek (ca. 35 €) Monatseinkommen,
  • Extreme Armut: Menschen, die sich nicht genügend ernähren können.

Grafik_Armut

Es lässt sich beobachten, dass sich der Anteil der Armen von 2002 bis 2012 verringert hat. So lebten 2002 4,7 % der Gesamtbevölkerung in extremer Armut (150.473 Menschen), 2008 noch 1,2 % (36.110 Menschen). Weiterhin ist die Armut in den ländlichen Gebieten höher als in der Stadt, auch wenn sich der Abstand verringert hat. Viele Menschen sind aus den Bergen in die Stadt gezogen, so dass dort die Armut in den letzten Jahren zugenommen hat.

Andere Indikatoren zeigen, dass die Schwere der Armut eine ähnliche Entwicklung genommen hat: Auch sie ist über die Jahre rückläufig, hat aber in letzter Zeit vor allem in den dichter besiedelten Regionen wieder zugenommen.

Sozialhilfe

Die Bedingungen für öffentliche Unterstützung sind in Albanien sehr streng, so dass längst nicht alle bedürftigen Familien Unterstützung bekommen. Außerdem stehen nur begrenzte Mittel zur Verfügung: 3% des Staatshaushalts (in Deutschland: 41%).

Die staatliche Arbeitslosenhilfe beträgt derzeit 6.850 Lek (ca. 50 €) monatlich und ist auf ein Jahr begrenzt. Die Sozialhilfe wird von den Kommunen ausgezahlt; sie beträgt in der Stadt ca. 3.500 Lek (25 €), in den Kommunen der Mokra-Region ca. 1.600 Lek (11,50 €). Damit deckt die Sozialhilfe nur 16 % des Bedarfs einer Familie unter der absoluten Armutsgrenze und nur 25 % derer, die in extremer Armut leben – zu wenig, um für die wichtigsten Bedürfnisse der Kinder zu sorgen. Das hat zur Folge:

  • 57 % der Kinder in Sozialhilfe-Familien haben nicht genug zu essen
  • 88 % haben zu wenig ­Kleidung
  • 79 % haben zu wenig für ihre Ausbildung
  • 88 % haben zu wenig für medizinische Behandlung
  • 95 % haben zu wenig für Freizeitangebote.

Die Mokra-Region

Die Menschen in den Bergdörfern der Mokra-Region, unserem Arbeitsgebiet, zeichnen sich durch ihre außergewöhnliche Gastfreundschaft aus; selbst arme Familien halten sich einen speziellen Vorrat, um Gäste, Freunde oder Cousins bewirten zu können, die für einen Besuch oder ein Fest anreisen. Ein Stück Brot, Käse und ein Glas Raki gehören immer dazu. Doch die Armut ist unübersehbar.

Die Mokra-Region liegt tief in den Bergen rund um Pogradec. Zur Stadt sind es nur 20 km Luftlinie, doch es gibt gewaltige Unterschiede. Die Straßen in den Bergen sind nicht asphaltiert und werden vom Staat auch nicht regelmäßig ausgebessert. Bei Notfällen fährt in der Regel kein Krankenwagen hier hinaus. Das Land ist in kleinste Flächen von 0,1 Hektar pro Person aufgeteilt und besitzt meist eine sehr schlechte Bodenqualität. Private Unternehmen gibt es keine, mit Ausnahme von zwei Wasserkraftwerken, die aber nur wenige Angestellte brauchen. Auch im öffentlichen Dienst gibt es kaum Arbeitsplätze. Die meisten Menschen leben mehr schlecht als recht von ihren kleinen Feldern.

Die Schulen befinden sich in einem sehr schlechten Zustand, einige wurden bereits geschlossen. In kleinen Dörfern haben die Kinder daher keine Möglichkeit mehr zur Schule zu gehen – die Kommunen, die eigentlich einen Fahrdienst zur nächsten Schule anbieten müssten, haben kein Geld dafür. Kindheit auf dem Dorf bedeutet für viele Kinder: keine Spielplätze, die Eltern können ihnen kaum neue Kleidung oder Schuhe kaufen oder gar die Schulbücher, die eigentlich vorgeschrieben sind.

Hier in der Mokra-Region bedeutet guter Lebensstandard, einen Sack Mehl kaufen zu können, ohne Schulden zu machen.

 

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