Zum ersten Mal in Albanien

Datum:  |  Autor: Stefan Kost

Albanien ist auch heute noch in gewisser Weise exotisch: Ein europäisches Land, von dem die meisten Deutschen kaum etwas wissen. Stefan Kost fuhr letzten Oktober zum ersten Mal durch das Land, bis in die abgelegenen Bergdörfer, in denen der CHW arbeitet. Hier seine Eindrücke.

Was machst Du denn in Albanien?

1892 schrieb Karl May „Durch das Land der Skipetaren“. In dieser fiktiven Erzählung reist er unter dem Pseudonym Kara Ben Nemsi mit seinem Kumpel Hadschi Halef Omar durch den Balkanstaat, den wir heute als „Albanien“ kennen, „Shqipëria“ in der Landessprache. „Und was willst Du da?“ wurde ich gefragt. „Mal gucken“, war meine Antwort.

Nun bin ich wieder zuhause. Und ich habe geguckt – fünf Tage voller Eindrücke! Am 11. Oktober ging es morgens um halb drei vom Flughafen Hannover aus los, wenige Stunden später begrüßte mich Frieder Weinhold in Tirana, der Hauptstadt Albaniens. Tirana ist nicht unbedingt mit westlichen Großstädten zu vergleichen, hat aber ein deutlich höheres Niveau als der Rest des Landes. Je weiter man auf’s Land fährt, oder wie in unserem Fall in die bergigen Regionen im Osten Albaniens, desto deutlicher wird das Stadt-Land-Gefälle im Hinblick auf den Lebensstandard.

In Tirana begrüßen den Reisenden das albanische Wappentier...

In Tirana begrüßen den Reisenden das albanische Wappentier…

... und das typische alt-neu-bunt-und-laut-Straßenchaos

… und das typische alt-neu-bunt-und-laut-Straßenchaos

Schon die Straße nach ­Pogradec – immerhin eine Kreisstadt mit 20.000 Einwohnern – ist über viele Kilometer eine im Bau befindliche Schotterpiste. Die Stadt selbst hat nette Ecken, aber auch armselige Hinterhöfe und Randbezirke. Immer­hin wird etwas getan, beispielsweise durch die Erweiterung der Kläranlage. Und vor Kurzem wurde tatsächlich die Nebenstraße zu unserem Büro gepflastert.

Eröffnung einer neu renovierten Schule

Am Montag fuhren wir etwa 40 km von Pogradec in die Mokra-Region, nach Proptisht. Dort wurde eine Schule feierlich wiedereröffnet, die mit Hilfe der Deutschen Botschaft, der lokalen Kommune und des CHW umfassend renoviert und mit vernünftigen Öfen versehen worden ist. Die Kinder haben uns schon geduldig erwartet und freundlich applaudierend willkommen geheißen. Wenn man die Schule heute mit Bildern vom Zustand vorher vergleicht, kann man nur den Kopf schütteln! Einhelliges Urteil der Verantwort­lichen war dann auch, dass es sich in dieser verschönerten Atmosphäre sehr viel besser lernen lässt.

Die sanierte Schule

Die sanierte Schule

Schüler und Lehrer bei der offiziellen Wiedereröffnung

Schüler und Lehrer bei der offiziellen Wiedereröffnung

Natürlich kostet eine solche Renovierung viel Geld, und sie war nur möglich durch tatkräftige Hilfe freiwilliger Kräfte aus Deutschland, durch viele kleine Spenden, Sachspenden wie Schulmöbel und Tafeln sowie die finanzielle Unterstützung der Deutschen Botschaft in Tirana. Die Kinder in den ländlichen Gebieten hier wachsen unter einfachsten Bedingungen auf, fernab der Stadt und in einem Land, das sich im Umbruch befindet, vom „Armenhaus Europas“ hin zu einem modernen Staat. Um ihnen eine gute Schulbildung für ihre Zukunft zu ermöglichen, sind ordentliche Schulen dringend notwendig – auch noch in vielen anderen Dörfern.

Dass unsere Bemühungen auf fruchtbaren Boden fallen, haben wir an den Kommentaren der ­Kinder sehen können, die gerne und begierig lernen. Ein pensionierter Lehrer aus den Reihen des Vereins hat sich die Schulbücher angesehen (insbesondere im Fach Mathematik) und festgestellt, dass die Kinder z. T. weiter sind und mehr lernen als vergleichbare Klassen in Deutschland.

Sozialstation Buzaishtë

Am Nachmittag ging es auf teils abenteuerlichen Straßen immer tiefer in die Mokra-Berge hinein. Der CHW betreibt in Buzaishtë eine kleine Sozialstation, in der alleinstehende alte und kranke Menschen versorgt werden. In Albanien kümmert sich normalerweise die Familie um die Alten und Kranken. Dieses traditio­nelle Sozialsystem dünnt jedoch immer weiter aus, weil jüngere Leute nach Italien oder Griechenland gehen, um dort Arbeit zu suchen. Und staatliche Angebote gibt es nicht – kein Geld.

Im Erdgeschoss des Hauses liegt ein Versammlungsraum, in dem an diesem Nachmittag unser Mitarbeiter Samuel Shkullaku eine Jugendstunde abgehalten hat. Auch ich durfte einige Worte an die jungen Menschen richten und sie mit dem Evangelium ermutigen.

In den Dörfern gehören die traditio­nellen Steinhäuser zum alltäglichen Straßenbild.

In den Dörfern gehören die traditio­nellen Steinhäuser zum alltäglichen Straßenbild.

Jugendgottesdienst in Buzaishtë

Jugendgottesdienst in Buzaishtë

Das Internat in Bishnica

Danach fuhren wir nochmal über einen Berg nach Bishnica, dem letzten größeren Dorf, bevor sich die Wege endgültig verlieren. Die Straßen hier sind derart schlecht, dass jedes Fahrzeug nach drei Jahren verschlissen ist. Auch unser alter VW-Bus bräuchte dringend eine umfassende Überholung …

In Bishnica betreibt der CHW schon seit über zehn Jahren eine Sozialstation, zu der u. a. ein Pflege­dienst gehört. Vor drei Jahren hat der Verein die Schule saniert und betreibt gegenüber ein Internat – meines Erachtens der wichtigste Arbeitszweig. Hier wohnen Schüler aus noch kleineren, noch weiter oben gelegenen Dörfern ohne Schule. Die Kinder müssten 1 bis 2 Stunden zur Schule in Bishnica laufen, nachmittags dieselbe Strecke zurück. Klar, dass sie vor allem im Winter oft darauf verzichten würden, teils schlicht deshalb, weil der Schulweg dann zu gefährlich ist. Daher ist das Internat ihre Chance auf Schulbildung. Unter der Woche wohnen sie in dem vom Verein gemieteten Haus und werden dort von drei Hausmüttern und pädagogischen Mitarbeitern betreut.

In diesem Gebäude wohnen die Internatskinder

In diesem Gebäude wohnen die Internatskinder

Hausaufgabenbetreuung im benachbarten Gemeindehaus

Hausaufgabenbetreuung im benachbarten Gemeindehaus

Seit einigen Monaten sind die Verhältnisse im Internat so beengt, dass die Kinder ihre Hausaufgaben in der benachbarten Kirche machen müssen: Nach den letzten Sommerferien wurden zwölf weitere Kinder aufgenommen. Und Ende 2014 hat das Sozialamt darum gebeten, dass wir uns um weitere vier, teils verhaltensauffällige Kinder kümmern, deren Eltern an AIDS erkrankt sind. Da sagt man natürlich JA!  Diese neuen Herausforderungen stellen die Kinder, die Hausmütter und den Verein vor ganz neue Herausforderungen. Andererseits zeigt die Anfrage des Sozialamts, wie angesehen die Arbeit des CHW inzwischen bei den albanischen Behörden ist.

Wir können nicht die Welt retten. Aber wir können in unserem Bereich mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln etwas tun und zum Besseren verändern. Und notwendig ist diese Arbeit – das hat mir mein Besuch deutlich vor Augen geführt.

 

Fotos: Stefan Kost

 

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