Zunehmender Drogenanbau in Albanien

Datum:  |  Autor: CHW

Im Herbst 2014 besetzten albanische Spezialkräfte in einer spektakulären Aktion das Dorf Lazarat, das fest in der Hand von Drogenklans war, und zerstörten die Cannabis-Plantagen sowie die Ernte. Seitdem soll sich der Drogenanbau im ganzen Land ausgebreitet haben, vor allem in abgelegenen Ecken – unter Beteiligung korrupter Polizisten und Politiker.

Nach internationalen Medienberichten ist Albanien Europas Hauptanbauzentrum für Cannabis. Ministerpräsident Edi Rama wurde immer wieder vorgeworfen, nicht genug gegen gegen Albaniens Rolle im Drogenhandel zu unternehmen; Innenminister Saimir Tahiri wurde sogar beschuldigt, Beteiligte des Drogenhandels aktiv zu decken.

Nach dem Machtwechsel 2013 hatte die sozialistische Regierung 2014 dem Drogenanbau den Krieg erklärt. Bei Aktionen wie in Lazarat beschlagnahmte die Polizei über 100 Tonnen Marihuana, mehr als in den neun Jahren davor zusammen; über eine halbe Million Cannabis-Pflanzen wurden zerstört. 2015 stieg diese Zahl bereits auf 800.000, und in den ersten neun Monaten 2016 meldete die Polizei 2,1 Millionen zerstörte Pflanzen. Die Regierung sieht darin einen Erfolg im Kampf gegen die Drogenindustrie und verweist auch auf Statistiken der italienischen Guarda di Finanza, die den albanischen Staat seit 2012 mit Aufklärungsflügen unterstützt. „Diese Zahlen zeigen, dass die Drogenanbauflächen in Albanien von 2013 bis 2016 um 30% zurückgegangen sind“, sagt Innenminister Tahiri. „Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Cannabis-Plantage in Nordalbanien (Quelle: Albanische Polizei, 2016)Eine Untersuchung für das Balkan Fellowship for Journalistic Excellence skizziert jedoch ein differenzierteres Bild: Unbeirrt von den Polizeiaktionen haben sich die Züchter in abgelegene Bergregionen verstreut; Schmuggler brüsten sich mit dem Polizeischutz; italienische Ermittler staunen ob der Raffinesse der albanischen Verbrecherbanden; und in Europa und den Vereinigten Staaten ringen Regierungen die Hände, angesichts des Unvermögens ihres Nato-Partners, irgendjemanden zu verhaften oder anzuklagen, außer einigen Handlangern. Dazu erklärt die amerikanische Dozentin Jana Arsovska, Expertin für organisiertes Verbrechen in den Balkanländern: „Die albanische Gesellschaft basiert auf einem Sippen- bzw. Freundschaftssystem; man wird nur verhaftet, wenn man weder bei der Polizei noch in der öffentlichen Verwaltung Freunde hat.“

Die Ursachen für Albaniens Drogenproblem sind tief verwurzelt. Größtes Problem ist die Armut: Das Durchschnittseinkommen liegt bei 370 Euro monatlich, ein Fünftel der Bevölkerung hat keine feste Arbeit. Die Gewinne beim Export über die Adria nach Italien oder auf dem Landweg nach Mitteleuropa sind gewaltig – ein lukratives Geschäft für alle Beteiligten. Und so haben die Drogenchefs keine Schwierigkeiten, Willige für den Anbau von Cannabis zu finden, für die Verarbeitung und den Schmuggel ins Ausland – oder Polizeibeamte, die bereit sind, ein Auge zuzudrücken bzw. geplante Razzien rechtzeitig zu melden.

Anmerkung: Gerade dieser Hintergrund macht es so wichtig, den Kindern in den Bergdörfern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Darauf hat Diola Malasi hingewiesen, unsere Kinderpsychologin im Internat Bishnica, als wir Anfang Januar über die Drogenproblematik gesprochen haben.

 

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