Zusammenarbeit ist weiterhin nötig

Datum:  |  Autor: Frieder Weinhold

Es ist nicht selbstverständlich, dass eine kleine Initiative wie die Wismarer Albanienhilfe so lange Zeit durchhalten und wachsen konnte. Als im November 1991 einige Mitarbeiter und Freunde der Evangelisch- methodistischen Kirche in Wismar sich bereit erklärten, einen Hilfstransport nach Albanien zu organisieren, wussten sie noch nicht, worauf sie sich einließen.

Als ehemalige DDR-Bürger konnten sie auch die kommenden Herausforderungen nicht abschätzen, weil einfach die Erfahrung im Umgang mit fremden Kulturen noch fehlte. Dankbar waren die Helfer aus Wismar dann auch für jeden Rat, und diesen suchten sie auf allen möglichen Wegen. Ein Freund und Unterstützer der ersten Stunde war damals besonders der Schiffsmakler Helmut Specht aus Kasseburg bei Hamburg. In Zeiten, da es noch keine E-Mail und keinen Internetzugang für alle gab, stellte er mit seinem Telex die nötigen Verbindungen her, damit der Hilfskonvoi überhaupt bis nach Albanien gelangen konnte. Außerdem gab er viele sehr nützliche Ratschläge mit.

Albanien – das Afrika in Europa

Der abfahrbereite Konvoi im März 1993 vor dem Gemeindehaus in Wismar. An Bord waren Familienpakete, aber auch Saatkartoffeln und -getreide, Werkzeuge und Lebensmittel. Die Lkw vom Typ IFA W 50 wurden in Albanien Partnerhilfswerken zur Verfügung gestellt und dienten noch viele Jahre in der Projektarbeit vor Ort.  (Foto: Frieder Weinhold)

Was die Teilnehmer der ersten Fahrt sahen, bewegte alle Mitreisenden sehr – es war ein Land in vollständiger Auflösung. Was im Vorfeld eine Kennerin der Situation aus dem Diakonischen Werk vermittelte, war nun in der Realität nachvollziehbar: „Albanien, das ist das Afrika in Europa.“ Mittlerweile wissen die Helfer, dass viele Dinge in Afrika sich besser organisieren lassen als in dem Albanien der alten Strukturen. Die Menschen hungerten, die Läden waren leer, die Tankstellen vergittert. Kinder und Jugendliche kamen barfuß im Schnee zu den Helfern.

Mit einfachen Überlebenshilfspaketen, die den Menschen „zwar über den Winter, aber noch nicht über den Berg“ halfen, wie ein Journalist einmal formulierte, begann die Arbeit. Dazu kamen ergänzende Angebote wie Reparaturarbeiten an Schulen und anderen sozialen Einrichtungen, Hausbesuche in den Bergdörfern der Kommune Velcan sowie viele Gesprächsrunden mit Frauen und Männern, um die Situation der Menschen zu verstehen. Sehr viel Zeit nahmen sich die Teams, die in den ersten Jahren regelmäßig dreimal pro Jahr nach Albanien reisten, für die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen.

Aufbau einheimischer Gemeinden

Ab 1997 waren die ersten Vollzeitmitarbeiter Claudia und Michael Hanisch sowie Jürgen Rohloff bereit nach Bishnica zu gehen, um dort die Hilfsarbeit vor Ort ständig zu begleiten. Daraus ergab sich dann auch der Aufbau einer Kirchgemeinde, was die Menschen von Bishnica schon lange vorher erbeten hatten. Materielle und geistliche Hilfe konnten so gut zusammenfließen, denn in der albanischen Gesellschaft mangelte es, bedingt durch die schlimme stalinistische Diktatur bis 1991, an guten Wertmaßstäben.

Beim Aufbau der Gemeinde – wie bei aller Projektarbeit – achtete man sehr darauf, nicht die Reste alter albanischer Sitten zu verdrängen. Es ging darum, den Menschen nicht von außen Veränderungen aufzuerlegen, sondern ihre Lebensweise sehr zu achten. Die Fragen der Menschen und ihre Anliegen bestimmen das Handeln. So entwickelte sich eine gute Partnerschaft.

In der Kosovokrise kümmerte sich der CHW umfangreich um Flüchtlinge aus dem Kosovo und organisierte mit anderen Partnern Flüchtlingslager in Pogradec. Später brachte er direkt Hilfsgüter zu den Familien, die in den vom Krieg zerstörten Häusern versuchten zu überleben. Im Bild links Thomas Steffen, der damals diese Transporte leitete.  (Foto: G. Büchse)

Die Arbeit in den entstandenen Kirchengemeinden bot auch sehr gute Gelegenheiten für das gemeinsame soziale Lernen. Es sind Gemeinden in Bishnica, Buzahishte, Pogradec und Tirana entstanden. Zeitweise gab es einen Hauskreis in Jolle, Gemeindearbeit in Laktesh und Velcan. In Holtas wurden Missionsprojekte vor allem von Studenten aus dem Bengelhaus in Tübingen durchgeführt, die in der weiteren Entwicklung das Entstehen der Gemeindearbeit in Tirana erst ermöglichten.

Durch die Landflucht der Bevölkerung haben sich aber auch hier die Strukturen stark verändert. Bei der Dienstübergabe 2009 an Superintendent Nausner und die beiden albanischen Pastoren konnte ein Kirchenbuch mit gut 120 Namen an die dann Verantwortlichen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) überreicht werden. Jedoch haben viele Kirchenglieder die Bergdörfer in den letzten Jahren verlassen und sind jetzt in unterschiedlichen Kirchen und Gemeinden tragfähige Mitarbeiter.

Projekte der Sozialarbeit

Sehr umfangreich hat sich auch die Sozialarbeit entwickelt. Die aktuelle Struktur der Arbeit belegt diese Entwicklung. Die Einrichtung des Internates in Bishnica entstand z. B. auf Initiative von Claudia Hanisch. Das Pflegehaus wurde gegründet nach einem Missionseinsatz in Velcan, der Pflegedienst geht auf das Wirken von Pastorin Aenne Jakob aus Dresden zurück. Allein diese drei Beispiele zeigen, dass viele Ideen zu einem Ganzen geworden sind.

In dem für 2013 gestalteten Kalender, der ab Mitte 2012 beim CHW bezogen werden kann, werden noch einmal mit einem Gang durch die Geschichte der Albanienhilfe einzelne Stationen beleuchtet. Um eine baldige Bestellung wird gebeten, damit die Auflagenhöhe gut geplant werden kann.

 

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