Wenn Berechnungen versagen und Pläne nicht mehr gelten, spricht man leicht von Zufällen. Als Christ glaubt man an göttliche Führung. Gott spricht auch über Facebook und brachte Frieder und mich nach langen Jahren wieder online zusammen. Frieder suchte Unterstützung. Zufall, mag man sagen; ich glaube, Gott stellte mich ihm zur Seite. Außerdem war eine Reise nach Albanien für mich eine vertraute Vorstellung, sogar ein alter Wunsch.
Bishnica ist ein kleines Bergdorf in den albanischen Bergen, etwa 40 Familien leben dort. Abgeschieden von unserer hektischen und lauten Welt, dreht sich die Welt dort langsamer. Das Leben ist karg und geprägt von harter Arbeit; das hat einen eigenen Menschenschlag hervorgebracht, rau und manchmal hart, aber mit viel Wärme und Güte. Leider überaltert das Dorf. Es ist wie oft auf dem Land: Die Jugend zieht in die Städte und in die Ferne. Viele leben ohne Glauben; man glaubt lieber an Handfestes, z.B. an geschlagenes Holz für die Wärme im Winter.
Die Bibelstelle „Einer trage des anderen Lasten, und so werdet ihr das Gesetz des Christus erfüllen“ (Galater 6,2) ist eine Aufforderung zur praktischen Nächstenliebe. Sie betont die gegenseitige Unterstützung in schwierigen Lebenslagen – es geht mit darum, sich gegenseitig zu helfen. Anders gesagt: Gott gebietet hier Liebe, und durch Liebe ist Wandel möglich. Mich spricht das immer wieder an. Nun hat es mich zu einem praktischen Einsatz geführt.
Shtëpia e shqiptarit është e Zotit dhe e mikut
(Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast)
Wir haben den Menschen vor Ort mit Gottes Wort gedient, aber auch mit Wertschätzung und Beachtung. Der Besuch bei einer albanischen Familie ist mehr als ein Besuch: Er ist eine Aufwartung und wird als Zeichen von Respekt angenommen. Zudem wird ein Besuch mit viel Achtung, Stolz und Gastfreundschaft gewürdigt. Wie das Zitat oben besagt, wird das eigene Haus zum Haus des Gastes – eine alte und wichtige Tradition. Was anfangs als Rauheit erscheinen mag, wird Herzlichkeit, Wohlwollen und auch ein Geschmackserlebnis, denn es wird immer reichhaltig aufgetischt. Frieder, seit Jahrzehnten in der Region unterwegs, ist dabei immer ein geschätzter Ehrengast. Das schwappt dann irgendwie über – die Gefühle der Einheimischen werden leicht auf seine Begleiter übertragen.




Neben dem Dienst an Mensch und Seele muss auch praktisch angepackt werden. In Bishnica leben Kinder im Kinderzentrum des CHW bzw. der Diakonia Albania, weitere Kinder werden tagsüber betreut. Es sind wunderbare, aufgeschlossene und freundliche Kinder, leider mit schwierigen familiären und sozialen Hintergründen. Ich konnte am Ausbau der Wohnräume der Kinder mitwirken, Schränke reparieren und ersetzen, Fenster richten, Wände reinigen, Schimmel bekämpfen, mehrere neue elektrische Heizkörper montieren und Waschmaschinen überholen. Selbst ein Wasserrohrbruch trat während unserer Zeit dort auf. Eine Außenbeleuchtung anzubringen und die Videoüberwachung zur Sicherung der Räumlichkeiten zu richten, ist ebenfalls eine wichtige und nötige Hilfe. Auch den schlammigen Weg zur vereinseigenen Kirche wieder sicher begehbar zu machen, wurde Teil des Einsatzes. Gottes Haus steht allen offen; in diesem Fall mussten wir dafür den Weg ebnen. Es war spannend zu sehen, wie die Änderungen beäugt und – manchmal mit Skepsis – angenommen werden…
All diese schwierigen Lebensumstände vor Ort zu sehen, hat mich sehr beschäftigt. Umso mehr war es eine Freude, praktisch helfen zu können. Die Liste der Tätigkeiten und Reparaturen ließe sich endlos fortsetzen. Doch auch handfeste Arbeit ist wichtig und hilfreich. Gute Lebensumstände helfen, eine gesunde und nahe Beziehung zu Gott zu leben; eine Seele ruht sicherer im Glauben, wenn man sich im Alltag wohlfühlt. In Bishnica ist noch viel Arbeit vonnöten. Frieder bleibt aber dran und findet auch immer wieder treue Helfer. Ein schönes Zeichen der Hoffnung für diese fast vergessene Region!


Bukë, kripë e zemër (Brot, Salz und Herz)
Ich möchte noch betonen, wie hilfsbereit die einheimischen Mitarbeiter sind. Immer war mir jemand zur Seite bei der Arbeit. Ich konnte auch miterleben, wie ein ehrenamtlicher Übersetzer die Zahnarztkosten für ein betreutes Kind übernahm. So wird hier Nächstenliebe im Kleinen, aber aktiv gelebt. Der Zusammenhalt im Team und die immer freundliche Umgebung machten mir den Aufenthalt leicht. Überhaupt war es wunderbar, auf allen Seiten Verbundenheit zu spüren. Es war mir eine große Freude!
Bedingt durch den Krieg in der Ukraine kommt in Albanien weniger Hilfe an, hat man mir immer wieder berichtet. Ich möchte daher jeden Leser ermutigen, zu helfen, wenn man es vermag. Die finanzielle Ausstattung hier ist knapp. Dafür man kann auch mit kleinen Beiträgen helfen – und das direkter, sichtbarer und zielgerichteter als bei vielen anderen Organisationen.
Markus Hack
