Die Geschichte von Maria und Josef und dem Kind in der Krippe – jedes Jahr berührt sie uns neu: unsere Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach allumfassender Liebe, nach einem Gott, der keine Angst macht, nach Licht in der Dunkelheit – wenigstens am Heiligen Abend.
In der Musik, in der Lesung des Weihnachtsevangeliums und in den leuchtenden Augen der Kinder und in den aufsteigenden guten Gefühlen angesichts des Weihnachtsschmuckes und der Lieder wird etwas spürbar davon, was die Propheten verheißen haben: den Jubel über ein hilfloses Kind, das der Welt Rettung und Hilfe bringt, ein allumfassendes Friedensreich und einen gerechten Herrscher, der weise und barmherzig regiert. All das erfüllt sich in dem kleinen Kind. Es ist ganz arm und soll uns reich machen. Es kommt in die Dunkelheit und bringt Licht. In ihm dürfen auch wir wieder Kinder sein.
Ist es aber wirklich so, dass wir einfach wieder Kinder werden können? Ist das Leben nicht ganz anders? Sind die Herausforderungen, die wir heute zu meistern haben nicht viel komplexer?
Krieg – und Licht
Als ich Kind war, kannte ich Krieg nur aus den Erzählungen der Großmutter. Das war für mich damals weit weg. Und weil die Großmutter es erzählte, klang es nicht so furchtbar, wie es eigentlich war.
1999, als der Kosovokrieg tobte, habe ich das Leiden, das ein Krieg immer mit sich bringt, das erste Mal sehr persönlich wahrgenommen. Ich bekam tägliche Berichte über die Situation von Menschen, die aus dem Kosovo nach Albanien geflüchtet waren. Wir haben uns dann um dorthin Geflüchtete gekümmert und erschütternde Schicksale der Menschen erzählt bekommen.
Der Spruch: „Nie wieder Krieg!“ wurde damals in mir sehr lebendig – und doch stehen wir oft mit leeren Händen da. Geradezu ohnmächtig. Doch mitten im tiefsten Dunkel der Welt, gibt es aber immer wieder Momente des Lichts.
Weihnachten 1914 stellen Tausende deutsche und britische Soldaten an der Front in Frankreich und Belgien das Kämpfen ein. Sie treffen sich im Niemandsland und feiern mitten im Ersten Weltkrieg das Fest der Liebe – mit Geschenketausch, Weihnachtssingen und sogar Fußballspielen. Besonders viele Akteure des Weihnachtsfriedens kommen aus Sachsen.
Heiligabend 1914, Erster Weltkrieg, deutsche Westfront: Am Ploegsteert-Wald bei St. Yvon, südlich der flandrischen Stadt Mesen, liegt die 2. Kompanie des aus Plauen stammenden Königlich Sächsischen-Infanterie-Regiments Nr. 134 einer britischen Einheit gegenüber. Hinter den Männern von Leutnant Kurt Zehmisch liegen monatelange schwere Kämpfe. Das Kämpfen und Töten in Flandern ging immer weiter. Hier mutierte der Bewegungskrieg zum verlustreichen Stellungskrieg. In Schützengräben, die oft weniger als 100 Meter auseinander liegen, versuchten die Gegner vor dem verheerenden Feuer moderner Maschinengewehre und Artillerie Schutz zu finden.
Ende Dezember 1914 sind die Soldaten auf beiden Seiten der Front erschöpft und desillusioniert. Dass der Krieg in kurzer Zeit siegreich beendet wird und sie Weihnachten wieder zu Hause sind, hatten ihnen ihre Regierungen versprochen. Nun sitzen sie in kalten und schlammigen Gräben fest. Hunderttausende ihrer Kameraden sind gefallen. Auch in den Tagen vor Weihnachten gibt es schwere Gefechte. Doch am 24. Dezember herrscht an den meisten Frontabschnitten in Belgien und Frankreich Ruhe.
Waffenruhe am Heiligen Abend
Die 2. Kompanie des Infanterie-Regiments Nr. 134 von Leutnant Zehmisch hat am Heiligabend in ihren Stellungen einen Gabentisch mit Lebkuchen und Stollen aufgebaut. Aus der Heimat sind Geschenke und Miniaturweihnachtsbäume an die Front gelangt. Nach dem Gottesdienst befielt Zehmisch, im Zivilleben Studienrat in Plauen, seinen Männern, dass „heute am Heiligen Abend und an den Weihnachtsfeiertagen kein Schuss von unserer Seite abgegeben wird, wenn es zu umgehen ist.“
Auch bei den Engländern auf der anderen Seite der Front bleibt es ruhig. Aus ihrem Schützengraben heraus nehmen Zehmisch, der sehr gut Englisch spricht, und einer seiner Soldaten Kontakt zu den Briten auf. Es entwickelt sich „eine ganz spaßige Unterhaltung“, wie der deutsche Offizier in seinem Tagebuch festhält. Je zwei Sachsen und zwei Engländer treffen sich im Niemandsland. Es werden Zigaretten und Zigarren getauscht. Alle Soldaten beider Seiten wünschen sich lautstark „A Merry Christmas“ und die Sachsen stellen entlang ihres Schützengrabens sogar Kerzen und Tannenbäume auf. Er und die meisten seiner Männer seien die ganze „wundervolle Nacht“ wach geblieben, hält der Leutnant aus Plauen ergriffen fest.
Auch an anderen Abschnitten der Front zwischen Nordsee und Schweizer Grenze spielen sich derartige Szenen ab. Nicht selten beginnen die später von den militärischen Führungsebenen als „Fraternisierungen“, also Verbrüderungen, gescholtenen Ereignisse des Weihnachtsfriedens mit lokalen Feuerpausen zur Bergung der Gefallenen. Nachdem diese beerdigt sind, kommt man ins Gespräch und hält sogar gemeinsame Gottesdienste ab.
Mancherorts brechen Heiligabend regelrechte „Sängerwettstreite“ aus, bei denen sich die Gegner von Schützengraben zu Schützengraben Weihnachtslieder und Hymnen um die Ohren schmettern oder diese sogar gemeinsam intonieren. Erstmals seit Wochen empfinden die Soldaten beim Feiern und gemeinsamen Singen so etwas wie Glücksgefühle. Ein Soldat des bayerischen 16. Reserve-Infanterie-Regiments schreibt später seinen Eltern über ein Treffen mit britischen Soldaten im Niemandsland: „Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“
Weihnachten beginnt der von Gott verheißene Frieden
Eine Prophetie aus dem Alten Testament spricht von dem Frieden des allmächtigen Gottes, nach Zerstörung und Trennung. „Meine Wohnung soll unter ihnen sein“, verspricht Gott. In dem Jesus-Kind in der Krippe, begann die Verwirklichung dieser verheißungsvollen Zusage. Aber hören wir den ganzen Text:
Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird. (Hesekiel 37, 24–28)
Was ich vorhin über den Weihnachtsfrieden von 1914 beschreiben habe, war nur möglich, da es über die Grenzen hinweg etwas Gemeinsames gab. Es ist der Gott, der in Jesus Christus unter uns wohnt. Auch, wenn wir in einer gefallenen, zerrissenen, grausamen und schuldbeladenen Welt leben, auch wenn der Friede oft verdunkelt und verschleiert erscheint, gibt es die Momente, wo wir ihn deutlich erkennen können.
Wenn wir die Zusage, dass Gott in Jesus Christus unter uns wohnt, ernst nehmen, finden wir hoffnungsvolle Anzeichen für unser Leben. Darauf zu achten, diese Gelegenheiten zu nutzen und dafür dankbar zu sein, gibt unserem Leben einen tiefen Sinn.


Fotos: privat
Der Abschnitt über den Weihnachtsfrieden von 1914 stammt im Wesentlichen aus einer MDR-Sendung vom 27.12.2024. Autor war Dr. Daniel Niemetz.
