Sommereinsatz 2021 in Holtas

Datum:  |  Autor: Frieder Weinhold

Seit Jahren besuchen wir das Bergdorf Holtas immer wieder. Es liegt eigentlich nur wenige Kilometer von Bishnica entfernt, ist aber mit Fahrzeugen schwer zu erreichen. Durch diese abgeschiedene Lage ist das Dorf wie aus der Welt gefallen und hat die Teilnehmer des Sommereinsatzes wieder tief beeindruckt.

Für diesen Beitrag haben mehrere Teilnehmer ihre Erlebnisse festgehalten, ergänzt durch die Bildergalerie am Ende. Das ist viel zu lesen, aber wir meinen: Es lohnt sich. Von der Begegnung mit Menschen und albanischer Vergangenheit, von der Dorfschule bis zur nächsten Baumpflanzaktion ergibt sich ein facettenreiches Bild.

Frieder Weinhold: Langjährige Freundschaft

Im Herbst 1997 kam Xhaver Roshi, der damalige Schuldirektor von Holtas, zu Fuß über den Berg nach Bishnica und bat mich, auch seinem Dorf zu helfen. Daraufhin besuchte ich ihn per Maultier und wir entschieden, Holtas im Rahmen unserer Arbeit zu unterstützen. Jahrelang brachten wir Familienpakete und Weihnachtspäckchen, sogar Schulmöbel. Studenten aus Tübingen haben in unserem Auftrag Holtas viele Jahre regelmäßig besucht. Später bin auch ich selbst oft im Sommer mit Teams in dieses Dorf gegangen. Einmal hatten wir sogar ein NDR-Fernsehteam dabei, das einen Film über Albanien drehte.

In diesem Jahr war es wieder soweit. Unsere albanischen Mitarbeiter hatten alles gut vorbereitet, und so kamen wir am Samstag, den 24. Juli gut in Holtas an. Unterwegs konnten wir die großartige Landschaft bewundern. Unser Quartier nahmen wir in der Schule auf Feldbetten, Isomatten oder auf Schultischen. Fließendes Wasser – Fehlanzeige. Strom – wurde mittels Kabelrolle vom Nachbarn geholt. Toilette – reden wir lieber nicht darüber.

Noch am ersten Nachmittag verteilten wir in zwei Dörfern Familienpakete. Diese Hilfsgüter sind sehr willkommen, da es für die Menschen dort ein riesiger Aufwand ist, zu einem normalen Geschäft zu kommen – das bedeutet jeweils eine Tagereise.

Am nächsten Morgen, nach einem rustikalen Frühstück, besuchten mehrere Gruppen aus dem albanischen und deutschen Team Familien in ihren Häusern, während Ehepaar Reindorf sich mit Prof. Enver Roshi (Parlamentsabgeordneter, der aus Holtas stammt) das Land anschauten, wo im Dezember und dann in den Folgejahren Bäume gepflanzt werden sollen. Das ist als Erosionsschutz dringend notwendig und gleichzeitig ein wertvoller Beitrag zum Klimaschutz.

Drei Tage war unser Team vor Ort. Das bedeutete auch drei Kinderveranstaltungen, die Aurora Zeqo und eine junge Frau aus ihrer Gemeinde in Tirana durchführten. Die beiden Frauen machten das hervorragend, und die Kinder waren voller Begeisterung dabei. Außerdem hielten wir zwei Gottesdienste (sogar mit richtiger Klaviermusik – das Team aus Bishnica hatte unser E-Piano im Unimog mitgebracht) mit je einer Predigt von Aurora und mir. Den Abschluss bildete, wie auch früher schon, ein Dorffest, zu dem alle eingeladen waren.

Ein Highlight für mich war die Einladung von Fluturim: Bei ihm konnte ich sehen, wie in diesen abgelegenen Gegenden Wohnhäuser gebaut werden. Das Ganze muss erdbebensicher sein – und das gelingt mit der althergebrachten Bauweise, die die Menschen dort seit Jahrhunderten verwenden.

Begrüßung

Rainer Rose: Mithelfen, dass Albanien sich weiterentwickelt

Einer unserer deutschen Teilnehmer war Rainer Rose aus Oschersleben. Er kennt Albanien schon länger und arbeitete früher mit einer anderen Organisation zusammen, nun war er das erste Mal mit uns unterwegs. Interessant ist für mich sein Eindruck von Holtas:

„Im Team besuchten wir die Orte Poroçan und Holtas. Meine Befürchtungen wurden um vieles übertroffen. Wir wurden in einer Schule untergebracht, die weder über Strom, Wasser oder Abwasseranschlüsse verfügte. In dieser Gebäudehülle werden Kinder von der ersten bis zur achten Klasse unterrichtet. Bei Besuchen in den Familien begegnete ich oft archaisch einfachen Verhältnissen.

Und doch gab es für mich schöne Augenblicke, die hoffnungsvoll stimmten. Ich begegnete an unterschiedlichen Orten jungen Menschen, die mir von ihren Träumen und Studienwünschen erzählten. Da waren Erica und Albjona, die im nächsten Jahr ihre Matura beenden und dann in Tirana studieren wollen. Da war Shaban, die Lehrerin werden will; Resmie möchte Ärztin werden. Allen gemeinsam ist, dass sie in den letzten Jahren von den Familienpaketen und weiteren Hilfsaktionen profitiert haben. Auf Grund ihres Schulabschlusses können sie bald ein Studium beginnen und anschließend die Entwicklung ihres Landes beeinflussen.

Diese Lichtblicke machen mir Mut, weiter für die Arbeit des Vereins zu werben. Unsere Hilfe trägt dazu bei, dass Kinder zur Schule gehen können. So unterstützen wir albanische Menschen darin, ihr Land weiter zu entwickeln.“

Christine und Jürgen Reindorf: Bäume für die Zukunft

Die beiden Lübecker arbeiten im „aktiven Ruhestand“ beim CHW mit. Christine Reindorf organisiert u.a. die Weihnachtspäckchen-Packaktionen, Jürgen Reindorf die Baumpflanzaktionen. Holtas war auch für sie Neuland:

„Wir sind schon oft Offroad gefahren, meistens ohne Wohnkabine. Diese Fahrt war sehr viel anspruchsvoller, weil wir unsere Campingkabine mitgenommen haben und das Fahrzeug in dieser Kombination bei der Fahrt durch das Flussbett und am steilen Berganstieg an seine Grenzen kam. Aber die Landschaft und das Gebirge sind atemberaubend schön.

Wir haben Lebensumstände angetroffen, die wir hier in Europa nicht mehr für möglich halten. Wir haben Menschen getroffen, die in dieser wunderschönen Landschaft leben, aber wie können sie ihr Leben meistern? Wovon leben sie? Es ist bedrückend und beeindruckend zugleich, zu sehen, wie die Menschen zu ihrem Leben dort oben in den Bergen stehen. Zum großen Teil sind es die älteren Bewohner, die so denken; junge Leute zieht es von dort weg. Das Dorf wird sich sicher entvölkern. Zurück bleiben die Alten, aber trotzdem sind die Familien weiterhin ihrem Dorf verbunden.

Familienbesuche in Holtas

Die Gastfreundschaft und die Bewirtung bei unseren Besuchen in den Häusern waren umwerfend. Das Dorffest am letzten Abend, der Tanz der Menschen in der Gruppe, im Kreis, hat uns tief beeindruckt. Viele ältere Bewohner haben uns auch aus der Zeit von Enver Hoxha erzählt, diese Zeit der stalinistischen Diktatur hat viele traumatische Erlebnisse hinterlassen.

Wir werden wiederkommen. Geplant ist der Dezember; dann werden gemeinsam mit den Dorfbewohnern Bäume gepflanzt. Die Bodenerosion hat schon große Schäden angerichtet. Professor Enver Roshi, der selbst aus Holtas stammt, ist Initiator der Aktion und hat tatkräftige Hilfe zugesichert. Wir sehen es als dringend nötig an, auf ca. 30.000 m² Fläche (3 Hektar) Bäume zu pflanzen. Dazu werden ca. 7000 Bäume benötigt. In diesem Jahr wollen wir mit 1 Hektar beginnen. Dazu versuchen wir, neben den nötigen Eigenmitteln auch Fördergelder zu finden.

Unser Fazit: Solche Besuche sollten regelmäßig wiederholt werden, um den Menschen ein verlässlicher Partner zu sein.“

Fotos: Frieder Weinhold, Christine Reindorf, Jürgen Reindorf

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