Religiöse Toleranz in Albanien

Datum:  |  Autor: Arjol Bajlos

Moschee und orthodoxe Kirche in Südalbanien

Seht nicht auf Glauben und Religion. Moslems, Katholiken, Orthodoxe: Alle Albaner, wie sie sind und wo sie sind, sind Brüder. Lasst uns in Reinheit den Weg Gottes gehen, den Weg der Gerechtigkeit … Zwischen echten Albanern gibt es keine Spaltung, keine Kluft, keine Veränderung. Sie sind alle Brüder; sie sind ein Körper, ein Geist, ein Ziel, ein Glaube. (Sami Frashëri)

Ich beginne meinen Artikel mit diesem Zitat eines der berühmtesten alba­nischen Literaten, das den Vorrang nationaler vor religiösen Werten postuliert. Wie Sami Frashëri riefen auch Pashko Vasa, Faik Konica und viele andere Schriftsteller der albanischen Nationalbewegung im späten 19. Jahrhundert ihre Landsleute zum Zusammenhalt auf. So sollte die Spaltung durch Religion überwunden werden, die viele aufeinanderfolgende Invasoren für ihre Zwecke nutzen und verstärken wollten.

Tief verwurzelte Toleranz

Auch wenn Albanien oft durch schwere Zeiten gehen musste, so war doch religiöse Harmonie und Toleranz eines der stärksten Kennzeichen des albanischen Volkes und ist es bis heute. Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit und erkennt die Gleichwertigkeit der Religionsgemeinschaften an. Der albanische Staat selbst ist eine säkulare parlamentarische Republik, völlig unabhängig von den Religionen.

Ein wichtiger Grund für die Atmosphäre friedlichen Zusammenlebens im Land ist der gegenseitige Respekt zwischen den Gläubigen und sowie der Respekt vor der freien Wahl jedes Einzelnen. Ehen zwischen einem Mann und einer Frau aus unterschiedlichen Religionen sind sehr verbreitet. Meist feiern die Familien dann die traditionellen Feiertage beider Religionen. Wir finden auch enge Freundschaften, etwa zwischen einem Christen und ­einem Bektashi oder Muslim. Die religiöse Zugehörigkeit hat keinen Einfluss auf die Beziehungen zwischen den Menschen; sie dient weder als Maßstab noch als Grundlage für die gegenseitige Bewertung.

2014 besuchte Papst Franziskus auf seiner ersten europäischen Auslandsreise Albanien, wo er das Zusammenleben der Religionen als beispielhaft lobte. Und Ahmed Shaheed, Religions-Sonderbeauftragter der UN, schrieb 2017: „Religions- und Glaubensfreiheit ist in Albanien praktische Realität. Die Welt kann viel lernen von der albanischen Erfahrung beim Respektieren von Meinungs-, Gewissens-, Religions- und Glaubensfreiheit, und wie Harmonie zwischen den Religionen erreicht wird.“

Gemeinsames Eintreten für Werte

In der albanischen Geschichte gibt es viele Anlässe, an denen sich die Alba­ner für ihre nationalen Interessen zusammengeschlossen und religiöse Unterschiede außen vor ließen. Ein Beispiel ist die Liga von Prizren 1878, wo sich ca. 300 Delegierte aus allen religiösen Gemeinschaften versammelten. Erwähnenswert ist auch ein Ereignis in Shkodra am 28. Dezember 1913 (kurz nachdem Albanien unabhängig wurde): Einwohner verbanden den Sockel der Kirche von Gjuhadol mit dem Minarett der ­Moschee Fushë e Çelës mit einem Seil, hissten die albanische Nationalflagge und stellten rote und schwarze Kerzen auf, die den Ort erleuchteten.

Vertreter der albanischen Religionsgemeinschaften beim Pariser Marsch gegen religiösen Extremismus (Fotos: Wikipedia)

Dieser Zusammenhalt für Werte und Nation ist auch heute noch im Bewusstsein des albanischen Volkes sehr stark präsent. Nach dem Attentat auf die Charlie Hebdo-Redaktion versammelten sich Albaner aller Glaubensrichtungen zu Kundgebungen gegen religiösen Extremismus. Ministerpräsident Edi Rama reiste mit den Religionsführern nach Paris. „Ein Moslem, ein Orthodoxer, ein Katholik, ein Bektashi – wir trugen unsere religiösen Gewänder, gingen zusammen und redeten miteinander, einfach weil wir Freunde sind“ beschreibt der orthodoxe Bischof Merdani die Situation. „Für uns war das gemeinsame Auftreten normal, doch in Paris war es etwas Besonderes. Die Leute riefen uns zu und applaudierten, die Atmosphäre wurde fröhlich, als wir durch die Straßen gingen.“ Die Religionsvertreter treten heute noch bei allen öffentlichen Anlässen in Albanien gemeinsam auf.

Die Gesellschaft braucht uns

Als gemeinsames Zusammenstehen ist auch die neue „Koalition für Familie und Leben“ zu verstehen. Dem Initiator Pastor Akil Pano ist es gelungen, nicht nur die Führer und offiziellen Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften, sondern auch viele Intellektuelle zu vereinen, um gemeinsam für den Schutz und Erhalt der traditionellen Familie, Werte und nationalen Traditionen einzutreten.

Daneben muss natürlich auch unser Beitrag in der zivilen Gesellschaft erwähnt werden. Eine Vielzahl von Organisationen aus dem kirchlichen Bereich (Diakonia Albania, Ancora International u.v.m.) helfen Menschen in Not und engagieren sich gemeinsam mit den örtlichen Gemeinden in Bereichen wie Familie/Soziales, Gesundheit und Bildung. Diese Hilfe ist angesichts der Armut und Ungleichheit, auf dem Land wie bei uns in der Großstadt, dringend notwendig. Sie kommt allen hilfsbedürftigen Menschen zugute, unabhängig von ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit.

In Albanien gibt es durchaus eine Debatte über religiöse Toleranz, über ihre Bedeutung in den einzelnen religiösen Gruppierungen und ihre positiven oder negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes. Dennoch herrscht große Einigkeit, dass Toleranz eines der großartigen Merkmale Albaniens ist. Und Sie haben es sicher gemerkt: Wenn Sie selbst unser Land besuchen kommen, können Sie sicher sein, dass Sie respektiert werden – unabhängig von Ihrem Glauben oder Ihrer Religion!

Der Autor

Arjol Bajlos

Arjol Bajlos (Jg. 1995) ist studierter Architekt und betreibt in Tirana einen Lederwarenhandel. Er ist Mitarbeiter der KUIK ­Großstadtgemeinde von Pastor Akil Pano, engagiert sich aber auch auf dem Land, z.B. bei den ­Weihnachtsaktionen und Dorfeinsätzen der Diakonia Albania.

Die wichtigsten religiösen Gruppierungen

Zur Zeit des Stalinismus (1967 – 1990) war Albanien offiziell der „erste atheistische Staat“. Jede Form von Religionsausübung war verboten, Kirchen und Moscheen wurden geschlossen oder zerstört, zahlreiche Geistliche inhaftiert oder getötet. So war die politische Wende 1991 für alle Religionen gleichermaßen eine Befreiung. Heute fühlt sich die Mehrheit der Albaner entsprechend ihrer Familientradition einer Religion zugehörig, jedoch meist ohne den Glauben tatsächlich zu praktizieren. Die nachfolgenden Zahlen stammen von der letzten Volkszählung 2011 (zum Vergleich: 2,5% Atheisten; 21,7% keine Angaben).

Islam

2011 bezeichneten sich 56,7% der Albaner als Muslime (Sunniten). Der Islam breitete sich im ursprünglich christlichen Albanien nach der Eroberung durch die Osmanen aus, vor allem in Mittel- und Südalbanien. Das Entstehen einer albanisch-muslimischen Elite bot wirtschaftliche Vorteile, und so konvertierten immer mehr Familien, sogar ganze Dörfer zum Islam. Seit 1992 ist Albanien Mitglied der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, 2011 wurde eine islamische Universität in Tirana eröffnet. Es gibt eine starke Präsenz arabischer Länder, die in vielen Dörfern den Bau von Moscheen finanziert haben.

Bektashi

Die Bektashi sind ein mystischer Derwisch-Orden. Er entstand ursprünglich in der Türkei, wurde 1925 von Atatürk verboten und verlegte seinen Hauptsitz nach Tirana. 2011 zählten sich 2,1 % der Albaner zu den Bektashi (1939: ca. 20%), schwerpunktmäßig in der Region Berat, wo sich mit dem heiligen Berg Tomorr ein Pilgerzentrum befindet. Gegenüber dem sunnitischen Islam sind die Bektashi allgemein weniger regelorientiert; ihre religiöse Praxis (Cem-Zeremonie, Hymnen, Semah-Tanz) zielt auf das Eins-Sein mit dem Schöpfer ab.

Orthodoxe

Historisch gesehen verläuft durch Albanien die Schnittstelle zwischen dem west- und dem oströmischen Reich. Dementsprechend ist Südalbanien heute noch christlich-orthodox ­geprägt; es finden sich viele alte, aber auch neue Kirchen im byzantinischen Stil. Die auto­kephale albanisch-ortho­doxe Kirche hat in den 1920er Jahren ihre Unabhängigkeit durchgesetzt und legt großen Wert darauf, dass ihre Kirchen byzantinisch und nicht griechisch sind – ein Zeichen für die schwierigen albanisch-griechischen Beziehungen. 2011 bezeichneten sich 6,75% der Albaner als Orthodox, in manchen Bezirken über 60%.

Katholiken

10% der Albaner sind Katholiken, im Nordwesten (Shkodra, Vau-Deja, Lezha) sind es über 60%. Besonders diese Region bekämpfte lange Zeit das Vordringen der Türken (Volksheld Skanderbeg). Unter den Kommunisten wurden die Katholiken als angebliche Agenten des Papstes und des Westens stark verfolgt; seit 1990 ist Albanien für die katholische Kirche ein Missionsland. Die Albanerin Mutter Teresa (sie stammt aus dem heutigen Nordmazedonien) ist in ganz Albanien populär; der Tag ihrer Seligsprechung (18.10.) ist Nationalfeiertag.

Evangelische Gemeinden

Mit 0,14% (Volkszählung 2011) sind protestantische und evangelikale Christen eine Minderheit. Ihre Gemeinden entstanden in den letzten hundert Jahren durch ausländische Missionare. Anders als in anderen Ländern ist die Evangelische Allianz Albaniens (VUSH) nicht nur eine Arbeitsgemeinschaft, sondern offizieller Repräsentant der angeschlossenen Gemeinschaften beim Staat, und damit der katholischen bzw. orthodoxen Kirche gleichgestellt.

(red / Quelle: Wikipedia u.a.)

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